Abschied von einem Leben

Noch nie besaß der Mensch eine solche Fülle an Informationen über das Leben.
Umso unerträglicher scheint das Unabwendbare zu sein. Eine Bedrohung die unsere Lebensfreude trübt. Was nicht beseitigt werden kann, das wird verdrängt. Darin haben wir es zu einer wahren Meisterschaft gebracht.

Wir verdrängen, solange das Leben uns diese Illusion erlaubt alles, was mit unserer Begrenzung durch die Lebensgesetze zu tun hat. Auf unserem Lebenshöhepunkt entfernen wir großräumig alles, was uns an das Unvermeidliche erinnert. Am intensivsten erinnern uns all jene Menschen an unser Finale, die ihrerseits am Ende ihrer Kraft im Begriff sind, sich aus dem Leben zu verabschieden.

Ein Anblick der unsere vermeintliche Lebenslust erheblich stört. In sterilen Sterbesilos betreut und verwaltet, wird Alter, Hinfälligkeit, Senilität, sterben und Tod professionell versteckt. Nicht selten werden die noch pulsierenden Menschenhüllen an digital gesteuerte Sterbeverhinderungssysteme angeschlossen. Die Illusion, wirklich alles Menschenmögliche getan zu haben, beruhigt auf diese Weise unser Gewissen.
Dass wir, dem Lebenswahn Verfallene, den Schattenwesen einen würdevollen Übergang in die Nachunswelt verweigern, das wollen wir nicht wahrnehmen.
So werden auch wir eines Tages in einer dieser Sterbefabriken enden.
Es sei denn, wir springen, noch Herr unserer physischen und psychischen Kraft, von einer Brücke, oder...
oder unsere Kinder sind uns gnädiger.
Welch ein erhabener und würdevoller Lebensabschnitt das Sterben sein kann, das durfte ich beim Tod meines Vaters erleben.

Jener Raum, in dem er mehr als die Hälfte seiner Lebensnächte schlief, in dem er Nacht für Nacht mit und neben meiner Mutter verbrachte, Duft, Licht und Geräusche urvertraut, er wurde zum letzten Ruheort meines Vaters.
Ein gewaltiger Augenblick des Lebens, zwischen mir und meinem Sohn, als er seine ersten Atemzüge in meinen Armen tat.
So war es wohl auch für meinen Vater, denn er war, damals sehr ungewöhnlich, bei meiner Geburt dabei.
Ein gewaltiger Augenblick des Lebens, der letzte Atemzug meines Vaters, während ich ihm die Hand hielt.

Abertausend Atemzüge zwischen Geburt und Tod.
Ein Leben voller Atemzüge.
Wie wenige atmen wir bewusst.
Wie viele vergeuden wir für eitles Tun.