Brüder im Geiste

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Dass unsere Umwelt und unsere Mitwesen tatsächlich existieren, davon können wir uns mit all unseren Sinnen überzeugen. Würde ein Mensch eine dieser Existenzen in Frage stellen, wir hielten ihn gelassen für einen Narren.
Wenn wir nun aber von der Existenz eines Geistwesens überzeugt sind, dann können wir das, bei aller Überzeugung, weder mit unseren fünf Sinnen überprüfen, noch können wir es dritten gegenüber beweisen.
Da bleibt es nicht aus, dass Zweifel aufkommen.
Die Fähigkeit des Zweifelns, die Fähigkeit mit all unseren Sinnen die Fakten des Wahrgenommenen auf ihre Substanz untersuchen zu können, ist eine der wichtigsten für die Überlegenheit unserer Art.
Vom ersten Augenblick an lernt das menschliche Wesen, dass das Wesentlichste über den Mund aufgenommen werden kann. Nahrung, Wärme, Wohlbefinden kommt aus diesem weichen Stöpsel, den man, im günstigsten Fall vom ersten Tag an, wann immer man ihn braucht, zu fassen bekommt. Der Mund ist also das erste zentrale Organ, das alle empfangenen Impulse direkt an unser Hirn weitergibt.
So lässt es sich erklären, dass alle Menschenkinder dieser Welt, sobald sie auch noch ihre Hände als Werkzeug entdeckt haben, alles, was sie zu fassen bekommen, in den Mund stecken. Nicht, weil sie ständig essen wollen, sondern um es zu überprüfen, zu hinterfragen. Diese erste Form der Fragen an die Umwelt, ist allen Menschen dieser Welt zueigen.
Der Mund erweist sich in dieser Phase als hervorragendes Testorgan. Ist es so, wie der Milch spendende Stöpsel, der mich so satt, glücklich und zufrieden macht oder ist es anders? Wenn es anders ist, worin unterscheidet es sich?
Gehen wir einmal davon aus, das Menschenkind entdeckt auf diesem Wege, dass ein Apfel gut schmeckt und es prägt sich ein, dass dieses Ding rund ist.
Gehen wir weiter davon aus, es sieht erneut etwas Rundes, greift zu, beißt rein und spuckt entsetzt die Zitrone wieder aus.
Jetzt beginnt ein lebenswichtiger Denkprozess !
Aha, nicht alles, was rund ist, ist ein Apfel !
Aha, nicht alles, was ich sehe ist das, wofür ich es halte, ich kann mich also irren !
Das Kind sieht wieder etwas Rundes, ergreift es, aber dieses Mal untersucht es das Ding, soweit es in der Lage ist, etwas näher, ehe es hinein beißt.
Es hat gelernt, seiner Umwelt zu misstrauen und es hat gelernt, seiner eigenen Wahrnehmung zu misstrauen.
Der erste Zweifel, der erste Schritt aus dem Paradies!
Aber ein überlebensnotwendiger Schritt.
Ist der Schatten, dem ich mich gegenüber sehe, der eines harmlosen oder der eines gefährlichen Lebewesens, oder ist es am Ende mein eigener ?
Die Fähigkeit zu zweifeln ermöglicht uns auf sehr differenzierte Weise im Vorwege gefährliche Täuschungen zu entschlüsseln, und im Nachhinein Täuschungen, denen wir erlegen sind, derart zu analysieren, dass wir begangene Fehleinschätzungen nicht wiederholen.
Hätten unsere Vorfahren diese Fähigkeit nicht bereits besessen, dann hätten sie giftige Früchte gegessen, gefährliche Tiere mit bloßen Händen angegriffen, sie wären über viel zu dünne Äste balanciert, sie wären gestorben wie die Fliegen. Na und, werden Sie sagen, die gibt es heute ja auch noch. Ja das stimmt, aber die haben weder Pyramiden gebaut noch die Sonnenblumen von Arles gemalt noch waren sie in der Lage einen Weltkrieg zu führen.
Bitte?
Ja, bei aller Anerkennung menschlicher Fähigkeiten, bleibt fest zu halten, dass diese nicht zwangsläufig im Interesse der Schöpfung eingesetzt wurden.
Die Fähigkeit zu zweifeln gehört zu unserem genetischen Programm und erhöht, trotz all des Gemetzels in den Pausen, unsere Überlebensfähigkeit.
Bin ich nun von der Existenz eines Geistwesens ernsthaft überzeugt, dann löst der Umstand, dass ich es nicht sehen hören, riechen, schmecken oder ertasten kann, unwillkürlich mein genetisches Alarmprogramm aus. Achtung, Differenz zwischen Existenz und Überprüfbarkeit.... hier lauert eine mögliche Gefahr... sofort weiter prüfen!
Bin ich nun von der Existenz eines Geistwesen ernsthaft überzeugt, das mir, bei Wohlverhalten, eine wie auch immer geartete Existenz, nach meinem irdischen Leben verspricht, dann entwickelt sich die Überlebensstrategie des Zweifels und Selbstzweifels allmählich zu einer Bedrohung meiner eigenen Überzeugung.
Wenn dieses Geistwesen, von dessen Existenz ich beseelt bin, mir auch noch mit drastischen Sanktionen droht, für den Fall, dass ich an ihm zweifle, dann wird mir mein eigenes Überlebensprogramm zum Feind.

Da ich an die Existenz des Geistwesen glauben will, weil der Glaube mir ein Überleben des irdischen Todes verspricht, die Zweifel aber dieses Überleben gefährden, oder schlimmer noch, das Überleben mit ewigen Qualen zur Folge hat, muss ich eine wirkungsvolle Strategie entwickeln, um das eigene Selbstschutzprogramm außer Kraft zu setzen.
Der Mensch ist einerseits sehr kreativ, wenn es darum geht, Teile der Vernunft außer Kraft zu setzen, andererseits wiederholen sich die Methoden weltumspannend bei allen religiösen Ritualen. Stark riechende Dämpfe, monotone Gebete, der Klang von Glöckchen und Glocken, Entrückung durch Fasten, Bestrafung durch Selbstkasteiung etc...
Der wirkungsvollste Schutz vor Zweifel und Selbstzweifel ist die Gemeinschaft der Gleichgläubigen. Die gegenseitige Bestätigung, dass das eigene Geistwesen auch das Geistwesen der anderen ist, lässt das Irrationale als rational erscheinen. Die Zweifel lassen sich immer leichter besänftigen, ja sogar gänzlich ausschalten, je größer die Gemeinschaft ist und je eindeutiger die Regeln befolgt werden, auf die man sich innerhalb dieser Gemeinschaft geeinigt hat.

Nun lässt sich auf Dauer das genetische Programm der Natur nicht amputieren. Jedenfalls zurzeit noch nicht.
Zweifel suchen sich immer wieder Wege ins Bewusstsein des Menschen. Das führt zu abweichenden bis zu konträren Betrachtungen des Daseins.
Menschen, die abweichende oder gar keine Vorstellungen von einem Geistwesen haben, werden als Bedrohung empfunden, weil sie ja so zu sagen die Personifizierung der eigenen domestizierten Zweifel darstellen.
Die harmloseste Form der Entgegnung ist der Versuch der Missionierung. Es wird also der Versuch unternommen, die Ungläubigen oder Andersgläubigen argumentativ von der Existenz des eigenen, einzig wahren Geistwesens zu überzeugen.
Da wir in den jeweiligen Vorstellungen, in die wir hineinwachsen, eine gewisse Sicherheit gegenüber dem Universum empfinden, hält sich die Bereitschaft, freiwillig eine neue andere Vorstellung von Gott und der Welt zu übernehmen, in der Regel in Grenzen.
Wo nun größere religiöse Gruppen aufeinander treffen, wird es problematisch. Was der Mensch sich zum besseren Ertragen seiner endlichen Existenz ersonnen hat, wendet sich nun nicht selten in absurder Weise ins Gegenteil.
In fast allen religiösen Mythen wird das irdische Leben als ein mehr oder weniger kurzer Zeitraum im Verhältnis zur Ewigkeit der nachirdischen Existenz betrachtet.
Wie kurz und flüchtig die irdische Existenz ist, das können wir an jenen beobachten, die neu ins Leben treten und an jenen, die vor uns ins Unbekannte gehen. Von der Ewigkeit, einem Zeitraum ohne Ende, haben wir nur eine wage rationale Vorstellung. Emotional bleibt sie uns aber weitgehend verschlossen. Sicher ist nur, dass es ein unermesslich längerer Zeitraum als unsere irdische Existenz ist.
Wer nun überzeugt davon ist, dass es eine ewige nachirdische Existenz gibt, der mag irdische Plagen leichter ertragen, weil er in der zeitlichen Begrenzung seines Leidens einen Trost findet.
Wer im irdischen Glück schwelgen kann, der braucht schon eine erheblich stärkere Selbstsuggestion, um glauben zu können, dass sich das Glück im Jenseits in Qualität und Quantität noch steigern lässt.
Wer schon mal richtig glücklich war, der kennt den Wunsch: Ach, wenn es doch ewig so bliebe.
Wer, bei Wohlverhalten, von seinem Geistwesen ewiges Glück versprochen bekommt, der könnte es im Grunde gemächlich angehen, denn auf zehn, zwanzig oder noch ein paar Jahre früher oder später käme es ja nicht an.
Aber das ewige Glück des Gläubigen ist ständig gefährdet durch abweichendes bzw. zweifelndes Verhalten.
Die eigenen Zweifel werden, wie schon erwähnt, besonders durch das Verhalten der Un-oder Andersgläubige mobilisiert. Das verunsichert und macht Angst.
Wenn das Geistwesen nicht nur den Verlust des ewigen Glücks in Aussicht stellt, sondern darüber hinaus ewige Qualen und Schmerzen androht, dann wird es eng.
Wer sich schon mal richtig auf den Finger geklopft hat oder sich an ordentliche Zahnschmerzen erinnern kann, der weiß wie schnell man sich dem Wahnsinn nahe glaubt, weil der Schmerz nicht aufzuhören scheint. Das ganze endlos ? Das ist der blanke Horror !
Also wird der Un- bzw. Andersgläubige zu einer echten Bedrohung. Und obwohl fast jede Religion das Töten von Menschen verbietet, gibt es überall eine Hintertür, dass die Beseitigung von „Feinden“ der eigenen Heilslehre, eine fromme Tat darstellt, die sogar, je nach Mythologie, auf unterschiedliche Weise belohnt wird.
Je irrationaler die Regeln einer Religion sind, umso größer sind die Anfechtungen durch die Vernunft sowohl von innen als auch von außen. Je heftiger die Zweifel aber die Ewigkeit bedrohen, umso massiver muss man gegen den inneren und äußeren Feind vorgehen.
Lebens- und lustfeindliche Verhaltensregeln. Kleider- und Essensvorschriften. Gegenseitige Bespitzelung und Schikanen. Fasten bis zur Magersucht, bis zum Delirium und man kann es kaum fassen, sogar bis zur eigenen Mumifizierung. Selbstgeißelung, bis das Blut in Strömen über den schmerzgepeinigten Körper fließt. Geschlechts-Verstümmelungen, Amputationen, Steinigungen, Ehren-Morde, Hexenverbrennungen, Selbstmordattentate, Mord und Totschlag in allen Variationen.
Und willst du nicht mein Bruder sein,
dann schlag ich dir den Schädel ein!
Was so verklärend mit säuselnder Stimme daher kommt und von ewigem Glück und von der Erlösung von allen Übeln faselt, war, ist und bleibt, unter all seinen Verkleidungen, Masken und betörenden Düften, ein wildes Raubtier das, eingesperrt und domestiziert werden muss, für jetzt und für immer.
Der Mensch ist ein magisch denkendes Wesen, darum ist er stets bereit, unerklärbare Phänomene mit der göttlichen Existenz begreifbarer zu machen. Die Angst vor dem Tod, die Angst davor, was nach dem Leben sein wird und die Angst davor, das Leben nicht sinnvoll gelebt zu haben, bringt die intelligentesten Menschen dazu, sich in die absurdesten Ideen zu verstricken, warum also nicht auch die Männer.(!)
Wobei es bei aller Irrationalität eine weit verbreitete Bauernschläue unter Priestern, Predigern und heiligen Anführern gibt.
Wit vom Schuss, gibts alde Soldade.
Mächtige Männer lassen sich in Kampfpilotenkluft ablichten in der Gewissheit, dass ihre letzte Hoffnung, das Jenseits möge noch ein wenig warten, niemals an einem Fallschirm hängen wird.
Millionäre, die sich irdische Huris auf grüne Kissen und teure Teppiche bringen lassen können, warten lieber geduldig, auf jene im Jenseits und gönnen armen Schluckern den Vortritt beim vorzeitigen Abflug zu Allah.
Ganz hinterhältigen Machtgierexemplaren gelingt es sogar, so zu tun, als ob sie den irren Hokuspokus selbst glauben. Dann benutzen sie die Glaubensbrüder und Schwestern um mit Hilfe deren inbrünstigen Überzeugung sich gewaltige irdische Vorteile zu verschaffen.
Wie immer, wenn es um den Aderlass geht, sind es Männer, die im Namen Atons, Amuns, Gottes, Messias, Allahs das Schlachtermesser führen.
Den Opfern ist es gleich wie der Name des Geistwesens lautet, in dessen Namen sie gefoltert und gemetzelt werden.
Und ganz gleich in wessen Namen sie töten, sie sind am Ende doch Mörder und Brüder im Geiste.
Wenn es, was ich nicht glaube, eine Rückkehr ins Paradies gäbe, dann wäre die Menschheit unentwegt dabei, alle Chancen für diese Möglichkeit zu verspielen, denn das Erreichen großer Ziele scheitert stets, wenn der Weg dorthin, nicht als Wert an sich betrachtet wird.