Das grafische Porträt

An fast jedem Ort, an dem ich mich aufhalte, begegnen mir Menschen.
Gesichter, die Seele spiegelnd, faszinieren mich so sehr, dass ich später häufig nicht sagen könnte, wie der Rest des beäugten Wesens aussah.
Gesichter, denen das Leben geschmeichelt hat, denen es Wunden schlug, oder die es schlicht ignoriert hat.
Fasziniert bin ich von den disharmonischen, von den gezeichneten, von den gelebten. Sie entwickeln eine sich mir erschließende Schönheit.
Die Art und Weise mit den Wirren des Lebens um zu gehen, sich trotz allem an ihm zu laben, es mit Lust zu genießen, das hinterlässt Spuren, in die ich meinen Zeichenstift eingraben kann.
Die Beobachteten wissen selten, dass ich ihre Physiognomie festhalte und so präsentieren sie sich mir nicht. Sie fixieren nicht die Maske, die sie für einen geeigneten Ausdruck ihrer selbst halten.
Es sind Augenblicke. Oft bleiben mir nur wenige Sekunden, die Merkmale meines Gegenübers zu erfassen.
Jede Bewegung verändert.
Oft grundlegend.
Es sind spontan gesehene, gefühlte Striche, die ich in meine kleinen Notizbücher werfe.
Zuhause, während ich die Skizzen in den Rechner scanne, erinnere ich mich an die Begegnungen. Ich setze die Erinnerungen in Farben um und überlasse der Technik einen Freiraum, den die Programmentwickler so nicht geplant hatten.
Mein Gegenüber, meine Wahrnehmung, mein Gefühl, mein Strich, die Technik und meine Entscheidung, all das ist, in der Summe, Bild für Bild das, was ich der Öffentlichkeit vorstelle.
Ein Moment Leben auf Zeit fixiert.