Das malerische Porträt

Jede Zeit ist von einem besonderen Idealbild geprägt, wie sich der Mensch sehen will und es findet sich immer eine entsprechende künstlerische Sprache, die dies zu dokumentieren oder zu interpretieren versucht.
Da wir in einer Zeit leben, in der das porentiefe Porträtfoto keine Schmeicheleien und keine Geheimnisse mehr zulässt, hat das zeichnerische und das malerische Porträt nach wie vor eine wesentliche Aufgabe.
Bei der Erstellung eines menschlichen Abbildes kommt es sozusagen zu der wesentlichen Entscheidungsfrage, welche Wirklichkeit einer Person soll dargestellt werden.
Die innere oder die äußere. Will ich diese Person dokumentieren oder interpretieren oder was den Weg zur Abstraktion ebnet, nehme ich die Person lediglich zum Anlass einer individuellen Gestaltung.
Der Begriff „Porträt“ kommt ja von „protrahere“, „herausziehen„ also, das Nichtsichtbare sichtbar zu machen. Wirklichkeit darzustellen und zugleich, und das ist der Konflikt, die Idealisierung, Überhöhung oder Verfremdung anzustreben.
Meine grafischen Porträts basieren auf flüchtig skizzierten Menschen, die sich in Ihrer alltäglichen Bewegung unbeobachtet fühlen. Sie entstehen überall dort, wo mir Menschen begegnen. Wesentliches in Sekunden zeichnerisch erfasst und zeitlich versetzt am Computer gestaltet, entstehen Porträts, die aus dem Widerspruch des temporeichen Augenblicks und der gelassenen Suche nach einer entsprechenden Form- und Farbensprache, ihre Spannung beziehen.
Die malerischen Porträts entstehen zwar in der ruhigen Atmosphäre einer Sitzung, aber auch sie fließen bei mir, ohne kalkulierende Vorarbeiten, prozeßhaft aus der Hand.
Bei Porträts geht es mir vor allem darum, die individuelle Interpretation der Wirklichkeit ihre Grenzen dort finden zu lassen, wo sie von den Porträtierten und den Betrachtenden noch als die Ihre wahrgenommen werden kann.