Das Plakat

Streit hieß er und hatte ich mit ihm, ganz so wie es sich für einen pubertierenden Knaben gehörte. Prof. Hanfried Streit. Er hatte, für uns damals seltsam anmutend, einen ganz kurzen Stoppelhaarschnitt, trug immer einen braunen Kordanzug und roch meist heftigst nach Knoblauch.
Er war nicht nur mein erster erwachsener "Sparringspartner", sondern auch mein erster ernst zu nehmender Kunstlehrer in Karlsruhe.
Ich warf ihm autoritäres, ungerechtes Verhalten vor, und er attestierte meinem Vater schriftlich das ungebührliche Benehmen seines Sohnes. Allerdings nicht ohne zu erwähnen, dass ich ansonsten ein guter Schüler sei.  

Heute weiß ich, dass er überfordert und gekränkt war. Gekränkt, weil er, statt vom Verkauf seiner Bilder leben zu können, angehende Dekorateure wie mich unterrichten musste. Dennoch und das habe ich von ihm gelernt, hat er einen fachlich ausgezeichneten Unterricht gemacht. Farbenlehre, goldener Schnitt, Formataufteilung etc. hat er mit uns trainiert, bis wir es im Schlaf beherrschten. Ein anstrengender Lehrer, dem ich absolut solide Grundlagen für die flächige Gestaltung zu verdanken habe.

Als ich ihn Jahrzehnte später suchte, um ihm davon zu berichten, dass ich meine Schüler jahrelang sehr erfolgreich nach seiner Methode unterrichtet habe, war er leider schon in den Künstlerhimmel gegangen. Viele seiner Arbeiten sind im Museum Etlingen verwahrt und auf www.hanfriedstreit.de. zu finden.

Der Leiter der Internationalen Dekofachschule in Bad Harzburg war der zweite bedeutende Lehrer, der mir den Weg zur Plakatgestaltung ebnete.
Als ich kurze Zeit danach das erste Mal durch die Straßen Hamburgs schlenderte, faszinierte mich ein Plakat, wie noch keines je zuvor. Ein Spiegelei in einem weißen Barockrahmen warb für Hamburger Museen. Es war von einem Holger Matthies gestaltet. Schon damals war mir klar, ich stehe vor der Arbeit eines Genies. Auch wenn ich von Holger nie direkt unterrichtet wurde, habe ich doch sehr viel von ihm gelernt.
Nirgendwo lernt man die Funktionsweise eines Plakates besser kennen als in der Großstadt. Wer schlendert schon gemächlich durch die Straßen seiner Stadt und liest alles, was sich so auf seinem Weg zum Lesen anbietet. Die Zeit und die Menschen rasen durch das Leben. Entscheidungen sind Augenblickssache. Da bleibt keine Zeit für ausführliche Texte. Das ist die Chance des Plakates. Die Chance des künstlerisch gestalteten Plakates, denn, das was in der Eile, im Vorbeihuschen schnell und sinnlich wahrgenommen werden kann, das ist allenfalls ein dominantes Motiv und eine Schlagzeile. Selbst auf die Schlagzeile kann ein Plakat verzichten, wenn das Motiv, wirkungsvoll in die Fläche gesetzt, den Betrachter in Bruchteilen von Sekunden, zum Hinsehen animiert. Das Motiv hängt sich in seine Wahrnehmung ein, wie ein ausgeworfener Angelhaken. Die Angelschnur läuft mit. Der Betrachter bewegt sich weiter, ohne zu fühlen, dass er bereits am Haken hängt. Spätestens nach der zweiten oder dritten Aufnahme des Motivs, strafft sich die Verbindung zwischen Plakat und Betrachter, und er hängt fest. Damit dies gelingen kann, ist als zweiter Faktor eine große Präsentationsdichte notwendig. Die Wiederholung überwindet den Zeitfaktor.
Der Text wird dem Motiv untergeordnet. Draußen an der Straße, dort, wo das Plakat hängen wird, ist die Textflut so gigantisch, dass es unerheblich ist, ob der Text die ganze Seite oder nur einen Teil der Fläche beansprucht. Der Interessent muss so oder so näher treten, um sich differenzierter zu informieren. Und wenn der Plakatinhalt zu seinem Interessensspektrum passt, dann wird er auch früher oder später stehen bleiben und lesen.
Nichts und niemand hätte mich je zum Segeln animieren können, aber die Kieler Woche hat es seit Jahrzehnten mit ihren ausgezeichneten Plakaten geschafft, dass ich ihr Stattfinden registriert habe. Also, obwohl das Segeln nicht zu meinen Interessengebieten gehört, haben die Plakate, über das wirkungsvoll gestaltete Motiv, stets meine Aufmerksamkeit erzielt. Hätten mich damit verbundene Informationen interessiert, wäre ich darauf zu gegangen, um die Details zu lesen.
Dass ein Plakat auf diese Weise funktioniert, ist eine immer wieder neue und spannende Herausforderung, die mir ausgesprochen große Freude bereitet. Das Rechteck des Plakates und das Quadrat der Schallplatte bzw. der CD sind mein Zuhause geworden.
Auch wenn die Schallplatte bzw. die CD etwas anders funktioniert, weil der Betrachter sie in der Regel unmittelbar in der Hand hält, sind Plakat und Cover eng mit einander verbunden. Das Plattencover konnte, auf Grund der Nähe zum Betrachter, etwas textlastiger gestaltet werden. Bei der CD hob sich das auf Grund der Formatgröße zum Teil wieder auf, da es eine Grenze der Schriftgröße gibt, die auch von sehr gut sehenden Menschen nur mühsam überwunden werden kann. Hinzu kommt, dass das Motiv des Covers mit dem des Plakates weitgehend identisch sein sollte, wenn mit dem Plakat für einen bestimmten Tonträger geworben wird.
Ob rechteckig oder quadratisch, die Fläche muss und kann mit Lust filetiert und gestaltet werden.