Die Schöpfung und der Tod

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Antrieb für Kunst und kreatives Handeln.

Diogenes, der erste Weltbürger, saß, wohl nur im übertragenen Sinne, zum Sinnieren in der Tonne. Bar jeglicher Verpflichtung gelang es ihm anscheinend bestens, alles, was ihn als Regelwerk umgab, mit überraschend schlichten, aber höchst effizienten Mitteln zu hinterfragen. Es kommt nicht von ungefähr, wenn uns seine Äußerungen an die naive, nicht selten blamabel entlarvende Haltung eines Kindes erinnert. Ohne ihn zu kennen, habe ich von klein auf, statt ja zu sagen, oft erst warum gefragt. Das hebt selten die Stimmung und die Beliebtheit fördert es auch nicht ins Unermessliche, aber es hat häufig Unterhaltungswert und in aller Regel ist es lehrreich. In diesem Sinne wünsche ich gute Unterhaltung und den einen oder anderen Denkanstoß und wenn es nur der ist, dass man es selbst ganz sicher besser weiß.

Wer schöpferisch tätig wird, wer die Wirkung seines gestaltenden Handelns erkennt, der entdeckt, dass er ist.
Wer weiß, dass er ist, der fragt warum.
Schöpferisches Handeln ist mit der Frage nach dem Sinn des Lebens verbunden. Wer schöpferisch tätig ist, ergibt sich nicht den Gegebenheiten. Er will vielmehr auf das Jetzt Einfluss nehmen. Dazu wird es notwendig, auch das Vorher und Nachher zu begreifen.
Wer also weiß, dass er ist und fragt warum, der fragt auch woher und wohin.

Ich bin das Licht sprach der Herr!
Oder sagte er es werde Licht und es ward?
Hat Gott zu Beginn, in einem ersten schöpferischen Akt, das Licht gemacht, oder ist Licht, Gott, von Anfang an?
Die Verwirrung wächst, da Gott und das Licht von Anfang an gewesen sein sollen, aber Echnaton erst viereinhalb Milliarden Jahre danach und doch schon 1000 Jahre vor der Bibel, eigenmächtig das Licht zum einzigen Gott erklärte. Also lange bevor der Mythos von der göttlichen Lichtschöpfung formuliert und aufgeschrieben wurde, erklärte ein ägyptischer Herrscher, das Licht zum göttlichen Zentrum, der ersten monotheistischen Glaubensphilosophie der Menschheit.
Der Monotheismus, die machtpolitische Schöpfung eines ebenso genialen, multitalentierten wie machtbesessenen ägyptischen Pharaos, bestand also aus Licht.
Übrigens, ein anderer kongenialer, selbsternannter Pharao, allerdings etwas später lebend und griechischer Herkunft, warf einen großen Schatten in seine Zeit. Alexander der Große, er soll sich voller Bewunderung vor Diogenes gestellt haben, um ihm einen Wunsch zu erfüllen.
Der bat : „Geh mir aus der Sonne.“

Wie auch immer der Streit um Schöpfung und Schöpfungsmythen zwischen Archäologen, Historikern, Theologen und Philosophen ausgehen wird, das Licht scheint uns Menschen göttlich zu sein.
Das Licht, aus dem Feuer der Sonne geboren, ist eine Quelle des irdischen Lebens und für uns Menschen eines der bedeutendsten Phänomene. Die Beherrschung des Feuers und damit das immer differenzierter erzeugte künstliche Licht, war eine der Grundvoraussetzungen für die Entstehung menschlicher Kulturen und Zivilisationen.
Das Licht, die magische, die religiöse, die physikalische Macht prägt das Leben der Menschheit von Anbeginn bis heute.
Ins Licht gekommen, wünschen wir uns die vergleichbare Geborgenheit wieder zu finden, die wir in der Dunkelheit des Uterus kennen gelernt und bei der Geburt für immer verloren haben.
Die Mutter hat uns die wohltuende Stille, die uns schützend umhüllende Dunkelheit und Wärme gegeben. Aber sie hat sie uns auch genommen. Sie hat uns, mit all der ihr zur Verfügung stehenden Kraft, in die Kälte, den Lärm und das Licht dieser verwirrenden Welt gepresst.
Diese Verstoßung wird im Unterbewusstsein viel wahrscheinlicher als männliche Schuldzuweisung an das Weibliche gespeichert sein als die Verführung. Die Vergebung der Töchter ergibt sich aus der Gewissheit selbst gebären zu können.
Ist es, nach der Vertreibung aus dem weiblichen Paradies der Nacht, nicht einfach nur logisch, dass wir als magisch empfindende Wesen im Licht die väterliche Kraft zu finden hoffen?
Die Kraft, die uns den verlorenen Schutz und die Verlässlichkeit von neuem bieten soll.
Ist es nicht von Bedeutung, dass uns die Nacht weiblich und der Tag männlich zu sein scheint?
Aber es ist trügerisch, dieses väterlich-göttliche Licht.
Am Ende eines Tages verlässt es uns. Wie eine Strafe für unser Handeln am Tage, entzieht es sich und überlässt uns einer Dunkelheit voller Kälte, bedrohlicher Geräusche und unsichtbarer Gefahren.
Der väterliche, ist ein sanktionierender Gott.
So dunkel die vorgeburtliche Zeit, so lichtlos unser Tiefschlaf, wird so schwarz die Zeit sein, da wir das Atmen beenden und unser Fleisch zu Humus zerfällt?
Unerträglich ist uns dieses Schicksal.
Unerträglich, es sei denn, wir beschäftigen uns in aller Intensität mit Dingen, die uns davon abhalten, ständig an den Tod zu denken. Für die Zeit, da uns das Verdrängen nicht gelingt, schaffen wir uns Mythen, die uns eine Existenz für die Zeit danach weissagen.
Wer gottgefällig lebt, der wird im Jenseits mit dem nie enden wollenden Licht belohnt. Wer gegen die „göttlichen“ Regeln verstößt, muss in ewiger Dunkelheit vegetieren.
Mir sind, ehrlich gesagt, beide Vorstellungen gleichermaßen unbehaglich.
Die Angst vor der Zeit nach dem Tod wäre aber für die Mehrheit der Menschen eine alles überlagernde, wenn sie nicht die Möglichkeit hätten, sozusagen religiöse Verträge mit ihrem jeweiligen Gott abzuschließen. Wohlverhalten gegen eine wie auch immer geartete Existenz nach dem Ende des irdischen Körpers.
Das ist der Stoff, aus dem die Macht geschaffen ist, die Menschen über Menschen ausüben.
Die zur Festlegung der Regeln und Vertragsbedingungen Berufenen entdeckten schnell, dass es keinen besseren Job als den des Priesters gibt, wenn man, im wahrsten Sinne des Wortes, die „Puppen tanzen lassen will.“
Dass die Frau jahrtausendelang ein geringeres Bedürfnis zum gestalterischen Eingriff in die vorgefundene Ordnung hatte, ist im unmittelbaren Zusammenhang mit der Fähigkeit des Gebärens zu sehen.
Die menschliche Urangst vor dem Tod verliert für die Frau etwas ganz Wesentliches von ihrem Schrecken, da ein lebender Teil von ihr, aus ihr heraus kommend, nach ihr weiter leben wird.
Einer „Göttin“ gleich vervielfältigt sie sich und schenkt der Welt neues Leben. Eine bedeutende Fähigkeit, der nicht annähernd Vergleichbares ein Mann vorweisen kann.
Während ein Teil der Frau physisch und psychisch in den Kindern weiterlebt, muss der Mann damit zurechtkommen, dass er für immer verschwindet und nichts an ihn erinnern wird.
Dass sich aus der Geburtsdominanz matriarchalische Strukturen entwickelt haben, ist sehr wahrscheinlich. Die Matriarchatsforschung
glaubt dafür Beweise zu haben und fragmentarisch lässt es sich noch heute an einigen Naturvölkern beobachten.
Auch wenn es unter den mehrheitlich männlichen Archäologen sehr umstritten ist, gibt es Hinweise, dass der Frau bzw. der Mutter eine Art der religiösen Verehrung zukam.
Ein erstes, in jeder Hinsicht prachtvolles Zeugnis davon, ist die Venus von Willendorf. Eines der letzten Rudimente dieses Mutterkultes ist noch heute u.a. in der katholischen Muttergottesverehrung zu erkennen.
Dass es bei matriarchalisch organisierten Stämmen kein Bedürfnis gab, sich durch Schrift und Bild der nachfolgenden Generation mitzuteilen, ist erklärbar. Die Mütter mussten ihre Bedeutung für den Erhalt der Art, die Erbfolge und ihre ruhmreichen Heldentaten nicht an die Nachwelt weitergeben.
Ihre Mitteilung an die Zukunft war das Leben selbst.
Die Männer begnügten sich zunächst mit Erzählungen am Lagerfeuer. Das belegen auch bis vor kurzem noch weitgehend unberührte Naturvölker.
Das Bedürfnis der Männer, der Geburt neuen Lebens etwas gleichwertig Bedeutendes entgegen zu setzen, war vermutlich eine elementare Kraft, sich auf Dauer nicht mit den Gegebenheiten dieser Welt abzufinden. Sie begannen die Welt zu beobachten und zu gestalten. Sie erkannten aber schon bald, dass alles Leben seinem Ende zuwächst !“
Die Erkenntnis von der zeitlichen Begrenzung der eigenen Existenz musste für die Männer um so bedrohlicher erscheinen, da sie sich eben nicht wie die Frauen, in zwei, drei oder mehr menschliche Wesen verwandeln konnten, um auf diese Weise eine Art des Weiterlebens empfinden zu können.
Die im Zusammenhang mit dieser Erkenntnis entstehende Todesangst und der damit verstärkt auftretende Wunsch, einen anderen Weg zu finden den Tod zu überleben wurde so, vor allem bei den Männern, übermächtig.
Es gibt verschiedene Thesen, was den Wandel vom Matriarchat zum Patriarchat bewirkt haben könnte.
Verteilungskämpfe des durch Ackerbau entstandenen Mehrwertes.
Eine Wüsten bildende Klimakatastrophe.
Die Todesangst und Sinnfrage.
Im Grunde widersprechen sie sich nicht. Es spricht im Gegenteil vieles dafür, dass wie so häufig bei umwälzenden Prozessen mehrere Faktoren zusammenkommen müssen.
Dennoch möchte ich mich den verschiedenen Aspekten der Todesangst und der Sinnfrage weiter zuwenden.
Das Vordringen des Todes in das menschliche Bewusstsein ist schon beim Neandertaler nachzuweisen, denn es gibt aus jener Zeit bereits Belege für Bestattungskulte. Die Suche nach Unsterblichkeit bzw. nach etwas, das die Todesangst erträglicher macht, war vor allem aber in den vergangenen 6000 Jahren nachweislich das beherrschende Element, bei allen patriarchalisch geprägten Zivilisationsansätzen und Hochkulturen. Ohne diese Manie besäßen wir kaum Zeugnisse ihres Handelns. Dieser vor allem männlich geprägte Wahn, dass das Ende eines Lebens nicht das Ende eines Individuums sein darf, hat derart triebhafte, zum Teil paranoide Züge angenommen, dass die Menschheit bis heute unter unsäglichen Qualen leidet und wahrscheinlich eines Tages daran zugrunde gehen wird.
Es gab immer wieder Ansätze, dieses menschliche Gefühls- und Bewusstseinschaos zu verstehen und zu ordnen. Ein ohne jeden Zweifel verdienstvoller Wissenschaftler war in diesem Zusammenhang Sigmund Freud.
Aber kein Mensch ist vollkommen, er war ein Mann.
Freuds Theorie vom Penisneid, in Einzelfällen kommt man nicht umhin darüber zu schmunzeln, ist kaum mehr als männliche Vermessenheit. (Unsere Sprache ist häufig enorm treffsicher)
Die Behauptung, die weibliche Menschheit würde daran seelisch erkranken, dass ihr ein ca.15 cm langes Stückchen Fleisch zwischen den Beinen fehlt, hat an Überzeugungskraft enorm eingebüßt. Zumal sie, im Gegensatz zum Mann, ihr Mehr an Fleisch, immer und überall derart dekorativ zur Schau tragen kann, dass es nur bei einer Minderheit der Männer seine Wirkung verfehlt.
Nein in Wahrheit leidet die männliche Menschheit darunter, dass sie nicht zur unmittelbaren Replikation befähigt ist. Der männliche Gebärneid ist in Wahrheit ein Problem, und zwar ein ganz gewaltiges.
Hätte Napoleon einen Sohn gebären können und wäre dieser ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, über jeden Zweifel erhaben, ein Bonaparte gewesen, hätte ihn Moskau gar nicht interessiert, Korsika hätte ihm völlig gereicht.
Der Gebärneid ist das untherapierbare Verhängnis, nicht nur für den Mann, sondern für die ganze Menschheit.

Wo die Frau die göttliche Macht besitzt, Leben lebendig werden zu lassen, da hat der Mann und Jäger entdeckt, dass er mächtiger scheint, weil er es töten kann.

Aber wo nach ihm nur Tod ist, ist auch kein Gedenken an ihn, also ist die Macht des Tötens in letzter Konsequenz ein Nullsummenspiel. Bislang haben immer genügend Exemplare seiner Art die Amokläufe überlebt, um ausreichend Geschichten von Herrschern, Tyrannen und Helden und Verlieren anhäufen zu können.
Der Heldentod ist eigentlich immer die Geschichte eines Verlierers, denn er verliert ja das Leben und wenn er nicht an exponierter Stelle den Tod findet, verliert er in immer inflationärer werdenden Heldenproduktionen moderner Schlachten auch noch seinen Namen. Kein Held, nur ein Stück stinkendes, blutiges Fleisch, das unter Umständen wenigstens eine Nummer erhält.
Das Heldenepos, die Legende vom strahlenden Leben nach der Explosion und die verzweifelte Hoffnung mit dem Namen ehrenhaft in die Geschichte einzugehen, hat zu keiner Zeit die männliche Todessehnsucht so unverblümt deutlich werden lassen wie in unseren Tagen. In allen Kriegen benehmen sich die Männer so, als seien sie lieber tot, statt zu leben wie vor dem Kampf. Aber die Illusion, dass den Märtyrer 72 Huris (unberührte Frauen) erwarten, macht die Jungs zurzeit offensichtlich in Scharen rammdösig.
Da keiner von den Burschen je zurückkommen wird, brauchen die Priester und Hassprediger auch nicht zu fürchten, dass sie der Lüge überführt werden können. Das ist an Religionen so absolut genial!
Ihr Wahrheitsgehalt ist nicht überprüfbar, wer sie anzweifelt, ist ein Ungläubiger, und Ungläubige können auf ganz vielfältige Weise aussortiert oder beseitigt werden.
Auch wenn man annehmen kann, dass diese zur Zeit recht populäre Form des Lebensverzichtes eine vorübergehende Erscheinung sein wird, so ist doch das gegenseitige Massenschlachten ein überwiegend männliches Phänomen, das, bei allem Verstand, auf eine aberwitzige Seelendeformation schließen lässt. Intelligenz ist eben kein Garant für Vernunft. Darum wäre der Schaden häufig geringer, wenn die Mächtigen und andere Übeltäter etwas dümmer wären.

Auch wenn die Frauen ihren Helden bereitwillig die Kampfkleidung nähen, die Granaten drehen und die Särge schmücken, entspringt das doch eher ihrem unreflektierten Fürsorgetrieb als der Mordlust oder  der Todessehnsucht. Landnahme und Massenmord waren nie Frauensache, sie gebären und behüten. Ausnahmen bestätigen bei beiden Geschlechtern, soweit es die Biologie eben zulässt, auch hier die Regel.

Dass der Mann an der Geburt neuen Lebens über den Zeugungsakt beteiligt ist, hat er vermutlich erst durch die Domestizierung von Haustieren und den damit verbundenen Beobachtungen vor ca. 6000 Jahren entdeckt. Dieser Zeitpunkt spricht übrigens dafür, dass dies ein weiterer Faktor bei der „Machtübernahme“ war
Dass er als Samenspender etwas mit der Fortpflanzung zu tun hat, das erkannte er also, gemessen am Zeitraum der Evolution, sozusagen erst vor Tagen. Den genetischen Nachweis seiner Vaterschaft kann er so gesehen, erst seit Sekunden erbringen. Selbst der genetische Nachweis kann die männliche Wahrnehmungsstörung aber nicht beseitigen, weil der Leben spendende Moment beim Zeugungsakt, vor allem aber der körperliche Teilungsprozess, zwar als physikalischer (objektiv gegebener), aber nicht als phänomenaler (subjektiv empfundener) Sachverhalt wahrgenommen werden kann. Zweifel bleiben.
Die endgültige Sicherheit könnte nur durch eine Gebärfähigkeit erreicht werden. So aberwitzig die Vorstellung zu sein scheint, angesichts einer 40ooo jährigen tödlichen Strahlung in Tschernobyl oder der Leben eindampfenden russischen Vakuumbombe, sollte man eigentlich nur hoffen, dass es einem Dr. Frankenstein gelingt, Männer gebären zu lassen, noch ehe so ein Psychopath das Leben auf der Erde gänzlich vernichtet.
Die fehlende Bereitschaft, die Gegebenheiten als solche zu akzeptieren, ließ die Männer, wie bereits erwähnt, ihre Umgebung intensiv beobachten. Sie entdeckten so Zusammenhänge und schufen sich Möglichkeiten, zum eigenen Vorteil verändernd eingreifen zu können.
Sie wurden gestalterisch tätig.
Sie erwiesen sich dabei, man mag es in manchen Bereichen (siehe Physik) zutiefst bedauern, als äußerst geschickt. So konnten sie sich durchaus auch die Anerkennung der Frauen erobern. Anerkennung motiviert, aber reicht nicht aus, um grundsätzliche Ängste und Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden.
Sie benutzten mit Sicherheit, wie nicht nur bei Naturvölkern üblich, Halluzinogene. Ein wesentlicher Unterschied in der Rauscherfahrung zwischen den Bewohnern der Steinzeithöhle und den Ballermanntouristen ist wohl aber der, dass unsere Vorfahren dadurch einen größeren Einblick in die Zusammenhänge der Welt zu erlangen hofften.
Ihre Wahrnehmung war von einem animistischen Weltbild geprägt. Die Natur wurde als beseelt erlebt. Nach dieser Vorstellung konnte man im veränderten Bewusstseinszustand mit Tieren, Pflanzen oder gar mit Steinen kommunizieren. Der Kosmos wurde als großer Organismus verstanden, in dem alle Dinge miteinander verbunden sind.
Mit Hilfe der Rauschmittel kam man auch mit den über- und unterirdischen Wesen, mit den Göttern, in Kontakt.
Um Halluzinogene nutzen zu können, ohne sein Leben unmittelbar zu gefährden, braucht man Erfahrung und Zeit. Wer sich in den Rausch begibt, kann nicht sammeln und jagen. Also wird es bald die Spezialisten gegeben haben, die sich stellvertretend für das Rudel, für den Stamm, in die Geisterwelt begaben.
Die Schamanen, die Priester oder wie auch immer sich die Kultverwalter nennen, waren wohl die erste Gattung von Berufenen, die nicht mehr unmittelbar an der Jagd beteiligt waren, also nichts zur Ernährung der Gemeinschaft beitrugen und dennoch selbst genug Essen und Bekleidung bekamen. Wer sich vorstellen kann, wie kräftezehrend und lebensgefährlich es war, ein Mammut zu erlegen, der kann sich auch vorstellen, dass das dem heutigen Einkommen von Ackermann und Co. bereits sehr nahe kam.
Der Schamane musste sich dafür aber auch etwas einfallen lassen. Zeit dazu hatte er ja. Er musste Dinge auf die Beine stellen, die kein anderer konnte. Durch das Beobachten von Sonne, Mond und Sterne, das Erforschen von Wind und Wetter, von Pflanzen und Tieren, durch die trommelnd, tanzend und singend eingeleiteten Trancereisen, durch die so hergestellte Verbindung zu den Göttern, durch die Gestaltung der dazu benötigten Fetische, bildhaften Darstellungen und kultischen Symbole, haben die Schamanen das Fundament für unsere heutige Kultur geschaffen. Künstlerische, handwerkliche Fähigkeiten, wissenschaftliche Erkenntnisse und magische Geisterwelten waren somit untrennbar miteinander verwoben.
Die Macht der Priester war enorm, fast grenzenlos, und sie blieb, wie uns das Beispiel der Mullahs und Ayatollahs zeigt, ungemindert bis zum heutigen Tag.
Wenn ein Hohepriester heute, im Zusammenhang mit Kultur, die Nazi-Terminologie entartet benutzt, dann müsste er eigentlich im Büßergewand nach Auschwitz pilgern, um die Opfer der Entartungskampagne um Vergebung anzuflehen, aber es entspricht katholischer Tradition, wenn ein Kardinal unfehlbar von einer gottverbundenen Kultur träumt. Dummerweise scheint die Aufklärung an ihm und seinen Gleichgesinnten vorüber gezogen zu sein.
Die archaischen Symbole, auf die ich, im Zusammenhang mit meinen Arbeiten, später noch detailliert eingehe, hätten ihm bei aller Rückwärtsgewandtheit, sicher ebenso wenig gefallen wie die damit verbundenen Fruchtbarkeitsrituale. Die Trennung von Politik, Religion, Wissenschaft, Kunst und Kultur mag für Allmachtsträumer schmerzhaft sein, ihre Notwendigkeit hat sich aber in unserer 2000 jährigen europäischen Geschichte immer deutlicher abgezeichnet. Mit der Renaissance im 15./16. Jahrhundert beginnend, wurde sie im 17. und 18. Jahrhundert, der Zeit der Aufklärung zielstrebig eingefordert und 1789-99 mit der französischen Revolution endlich in die Tat umgesetzt. Zumindest im „alten“ Europa.
Ein Befreiungsschlag, der den Menschen, nicht nur in der Kunst, aber dort am sinnlichsten erfahrbar, ein neues Universum eröffnete.
Um die schöpferischen Impulse erklärbar zu machen, gehe ich noch einmal unter einem anderen Aspekt auf die menschlichen Ängste ein.
In die Ängste vor der Zeit danach mischen sich Ängste vor dem Jetzt.
Zwischen der Erinnerung an unseren Ursprung in der Königin der Nacht und der Hoffnung, dass Sarastro unsere Sehnsucht im Lichte stillt, leben wir unser Leben, verzweifelt irrend, rasend, fast dem Wahnsinn verfallen und manchmal glücklich berauscht.
Immer in Bewegung, immer getrieben, immer auf der Suche, ohne Rast.
Die Befürchtung, keine wirkliche Erfüllung unserer Sehnsüchte zu finden ehe uns das irdische Ende ereilt, der Albtraum, unerfüllt, fehlerhaft, im schlimmsten Falle vergebens gelebt zu haben, bestimmt unser Treiben.
Der Motor für überragende Schöpfungen kreativer Genies ist eben neben der Angst vor dem Tod, vor allem die Furcht davor, vergebens gelebt zu haben. Nicht zuletzt aus diesem Grund wird eine aus Lehm gefertigte Skulptur in Bronze gegossen, um den dem menschlichen Zerfallsprozess gleichenden zu überdauern:
„Wenn ich schon gehen soll, dann soll der Umstand, dass ich da war, im kollektiven Gedächtnis der Menschheit deutliche Spuren hinterlassen!“
Dabei empfinde ich einen solchen Vorsatz entschieden unterhaltsamer, wenn ein Picasso wie ein Wahnsinniger gegen das eigene Ende und das Vergessenwerden anpinselt als wenn ein Napoleon in Europa ein Blutbad anrichtet. Beide aber waren kreative Genies mit einem ungewöhnlich schöpferischen Potenzial, einer außergewöhnlichen Vitalität und offensichtlich einer ausgeprägten, aber hervorragend verdrängten Todesangst. Beiden lag außerordentlich viel daran, in die Geschichte der Menschheit einzugehen und, wie es scheint, ist es auch beiden gelungen.

Zwischen der Flucht in die Lethargie, der Befriedigung egomanischer Gier und der mystischen Projektion auf eine oder mehrere Chancen im Jenseits, gibt es nichts Menschenmögliches, das wir nicht versuchen, um die Angst vor unserem unerbittlichen Ende der irdischen Existenz zu verdrängen oder zumindest vermeintlich erträglicher zu machen.
Wir nehmen also, wie bereits erwähnt, Einfluss auf das uns Umgebende. Wir greifen mit unseren Handlungen in das vorgegebene universelle System ein. Wir verändern die vorgefundene Schöpfung mit unseren eigenen kleinen Kreationen.
Das Licht ist, wie ebenfalls bereits erwähnt, die Voraussetzung für unsere Existenz. Für unsere schöpferischen Kraft ist es förderlich, aber nicht zwingend. Motor für unser schöpferisches Handeln sind unsere Ängste. Ängste, die wir ertragen, überwinden oder verdrängen wollen.
Unter schöpferischem Handeln ist nicht nur künstlerisches Schaffen zu verstehen. Schöpferisches Handeln ist in allen erdenklichen Lebensbereichen möglich.
Aber die Begrifflichkeit des schöpferischen Handelns verwenden wir, vor dem Hintergrund der Schöpfungsgeschichte, in der Regel für das Gestalten im positiven Sinne. Im Gegensatz zum sogenannten göttlichen Schöpfungsakt ist das menschliche Gestalten aber nicht durchgängig konstruktiv, da ihm von Anfang an auch ein zerstörerischer Aspekt inne wohnt.
Wenn man, wie der Psychologe J. P. Guilford, davon ausgeht, dass eine noch nicht da gewesene, vorher nicht gedachte, effektive Methode, ein Problem mit ungewöhnlichen, vorher nicht gedachten Mitteln zu lösen, als Kreativität definiert werden kann, dann ist sie eine wesentliche Voraussetzung für schöpferisches Handeln.
Aber auch die Kreativität kann zu positiven oder negativen oder positiven und negativen Auswirkungen zugleich führen.
Die Entwicklung der Landwirtschaft war einer der ersten, bedeutenden, vom Menschen eingeleiteten kreativen Gestaltungsprozesse. Statt sich weiterhin den Gegebenheiten der Natur anzupassen, begann der Mensch, die Natur an seinen Bedürfnissen auszurichten.
Für das Pflanzen eines Baumes war ebenso Kreativität erforderlich wie für das Fällen eines solchen. Wenn wir das Pflanzen positiv bewerten und es als konstruktiv betrachten, das Fällen hingegen uns negativ erscheint und wir es darum destruktiv nennen, dann greift diese Definition zu kurz. Das Pflanzen einer Monokultur kann durchaus destruktiv sein, während das Fällen eines Baumes, ehe er im nächsten Sturm seine zerstörerische Kraft entfalten wird, als konstruktiv betrachtet werden kann.
Aber viel wesentlicher noch ist der Umstand, dass es, wie immer wir unsere schöpferische Kraft definieren, ein Engriff in die vorgegebene Ordnung bleibt.
Im Sinne der Schöpfung ist die Aufforderung: „Mache dir die Erde untertan“ objektiv zerstörerisch. Die ersten Ackerbauern rodeten Wälder, veränderten den Wasserhaushalt und laugten die Böden aus, nach Zeiten mussten sie weiterziehen und hinterließen zerstörte Erde. Statt mit wachsenden Erfahrungen und zunehmendem Wissen solch ein schädliches Verhalten zu ändern, es wenigstens in den Folgen abzumildern, wüten wir aber immer dramatischer auf diesem Planeten.
Dies wurde am 12.9.07 auf ganz entsetzliche Weise deutlich, als in Russland, unter der Regie von „Zar“ Putin, das schöpferische Werk kreativer Wissenschaftler zur gewaltigsten Detonation mit dem größten Zerstörungspotenzial in der Menschheitsgeschichte gebracht wurde. Kein Gott, wenn es ihn dann gäbe, würde zu seinen Geschöpfen sagen: „Geht hin und zerstört mein Werk!“ Nicht einmal dann, wenn er wie Bacchus, bei den alten Römern, dem Alkohol zugetan wäre. Eben so wenig käme er auf die Idee zu sagen: „Geht hin und schafft eine bessere Ordnung, als es mir gelungen ist !“ Bei allem Verständnis, so dumm kann doch kein Gott sein.
Also, diesen Auftrag haben wir uns definitiv selbst erteilt und wohl, weil die Menschen schon sehr früh den von ihnen angerichteten Schaden erkannten, haben sie versucht, die Schuld für das voraussichtliche Dilemma einem höheren Wesen in die Schuhe zu schieben.
Wenn wir uns heute, vermutlich ohnehin zu spät, in Teilen zu unserer Verantwortung bekennen, dann nur, weil wir das Vibrieren des Astes schon verspüren, den wir abzusägen im Begriff sind, obwohl wir auf ihm sitzen.
Wie auch immer, wir rennen und rennen durch Raum und Zeit und handeln. Handeln um zu überleben, handeln um zu verdrängen, handeln um des Handelns willen.
Auf solche Weise erfolgreiche, weniger erfolgreiche und gescheiterte Kreaturen bevölkern die Erde, seit jenem angeblich schuldhaften Biss in den Apfel.
Wobei mir in dieser Parabel, bis zum heutigen Tag, die Schuld der naiven Verführung nicht einleuchten will, da mir die Schuld der Gier wider besseres Wissen, viel gravierender zu sein scheint.
Wenn der Mann dem Weib tatsächlich in geistiger und moralischer Überlegenheit erschaffen wurde, dann ist doch, nach den Gesetzen der Logik, die Schuld des Klügeren, am so genannten Sündenfall, die gewichtigere. Oder nicht ?
Wenn der Mann, trotz geistiger und moralischer Überlegenheit, der Verführungskunst des Weibes unterliegt, dann steht, nach den Gesetzen der Natur, der überlegeneren Kreatur der Führungsanspruch zu. Oder etwa nicht?
Wenn der Mann trotz geistiger und moralischer Überlegenheit nicht Herr seiner Triebe ist, dann sollten die Frauen ihm nach der Zeugung den Schwanz abhacken, statt sich in schwarze Tücher wickeln zu lassen.
Aber, das ist eine ganz andere Geschichte...
Weil wir wissen, dass unser Wissen niemals ausreichen wird, um das, was wir nicht wissen, zu begreifen, tanzen wir ein Leben lang zwischen Bewusstsein und Wahnsinn.
Welcher Versuch, das Dilemma des Bewusstseins, in der überwältigenden Schöpfung erträglich zu gestalten, am Ende zufriedenstellend gelungen ist, das entscheidet möglicherweise der letzte elektrische Impuls zwischen relevanten Zonen innerhalb des Gehirns eines Individuums.
Von außen wird eine Beurteilung weit weniger treffsicher sein, als das Lesen im Kaffeesatz.

Da mir, wie allen, dieser letzte elektrische Impuls bevorsteht und ich wie die meisten, Angst davor habe, begebe ich mich in eine weitgehend selbst gestaltete Beschäftigungstherapie. In Teilen, die eigenen philosophischen Betrachtungen ignorierend, in anderen Bereichen bestätigend, handle ich im Grunde wie alle, zumindest wie die meisten. Irrational.
Es gibt nichts Gutes, es sei denn man tut es, und vor der Entscheidung möglicherweise genau das Falsche zu tun, rettet uns nicht einmal der Suizid, denn wir könnten uns nicht sicher sein, dass eben jener letzte Impuls uns gerade diesen als Fehler meldet.

Nach dem Untergang von Diktaturen hört man die überlebenden Profiteure und Mitläufer gerne sagen, dass schließlich nicht alles schlecht gewesen sei. Im Sinne der Protagonisten ist es immer eine Rechtfertigungslüge, aber es ist eine bittere Pille, dass dennoch dem Bösen häufig etwas Gutes entwachsen kann.
Bei allem Elend, hat das Schamanentum doch auch Dinge in Bewegung gesetzt, die uns heute, abgesehen von drögen Wissenschaften, dummen Ideologien, gefährlichen Religionen und dem Wetterbericht, mehr oder weniger fast alle erfreuen.
Der Klang der Trommel endet in einer orchestralen Vielfalt von Instrumenten, die nahezu unbegrenzte Variationen von Musik ermöglichen.
Der Gesang lässt sich heute durch Exponenten wie Joe Cocker, Janis Joplin , Plácido Domingo, Cecilia Bartoli und viele andere, außerordentlich genießen.
Den Tanz kann ich betrachtend, von Fred Astaire bis John Neumeier oder selbst tanzend, bei Walzer und Tango genießen. In den vergangenen 50 Jahren hat der Tanz sogar zu seinen schamanischen Wurzeln zurück gefunden.
Das Theater bietet uns inzwischen weit mehr als durch Kostüme und Weihrauch unterstützte Theatralik.
Die Herstellung des Fetischs hat sich zur hohen Kunst der Bildhauerei gewandelt.
Die symbolischen Höhlenritzereien haben sich zur Schrift und zur Literatur entwickelt.
Das Höhlenbild begegnet uns heute in der Grafik, der Malerei, der Fotografie und im ganz großen Kino.
Die Schamanen der Kunst verzaubern wie eh und je, nur mit einem Unterschied, nicht jeder, der sich heute berufen fühlt, ist es und der direkte Draht zu Gott, wird selbst im religiösen Sektor skeptisch beäugt.
In dem Maße, wie sich die Fesseln zwischen Kunst und Religion gelöst haben, in dem Maße, wie die Verpflichtung zur Jenseitsverkündigung aus der Kunst verschwand, haben sich auch mehr und mehr Frauen gestalterisch eingebracht.
Die männliche Konkurrenz versuchte lange Zeit deren Spuren zu verwischen.
Selbst heute wird das Internet nahezu sprachlos, wenn man ihm bildende Künstlerinnen der Geschichte entlocken will.
In der Antike findet sich nur eine Eirene. Eirene, auch Irene, war eine antike griechische Malerin. Sie war die Tochter des Malers Kratinos und wurde von Plinius d. Ä. in seiner Naturalis historia erwähnt. Sie soll das Bildnis eines Mädchens gemalt haben, welches sich in Eleusis befand.


Später werden Sofonisba Anguissola (1535–1625) Artemisia Gentileschi (1593 - 1653) und Angelika Kauffmann (1741 - 1807) erwähnt.
Für die Zeit von 1700 bis 1900 bietet ein Lexikon immerhin einen Überblick über 3500 Künstlerinnen. Wovon eine bedeutende Anzahl bemerkenswerter Weise als so genannte Dilettantinnen bezeichnet wird.
Heute scheint es in der Bildenden Kunst ähnlich zuzugehen wie in der Deutschen Bank und anderswo. Hochqualifizierte Arbeit wird von Männern und Frauen gleichermaßen erbracht, aber die Spitzenverdiener, die „Rampensäue“, die im Licht stehen, das sind nach wie vor Männer.
Sowohl Ignoranz als auch offensichtliche Überbewertungen sind, hier wie da, unerträglich, nicht nur weil sie mit den moralischen Grundprinzipien einer Demokratie nicht vereinbar sind. Vor manchem millionenschweren pseudosozialkritischen Schinken würde ich gerne ein öffentliches Massenkotzen veranstalten um die Verlogenheit des „ mach“ Werkes zu veranschaulichen.
Wenn ich das Fehlen von Frauen an der Spitze verurteile, dann ist das keineswegs der Fall, weil ich zur Liga der Frauenversteher gehöre, aber zweifellos gehört der Hälfte der Menschheit auch die Hälfte des menschlichen Gestaltungsraumes. Wer glaubt, das würde die Welt friedlicher machen, der irrt. Die Frauen selbst räumen, wo sie nur können, mit dieser Hoffnung auf. Sie bleibt, was sie ist, erschreckend menschlich, aber sie wäre gerechter.
Wieder einmal von Selbstzweifeln geplagt, sagte Ernst Kahl in einem Gespräch zu mir: „Talent verpflichtet den Besitzer, es einzubringen!“

Und so setze ich mich, fernab von Gottesauftrag und kollektiver Berufung, aber all das bis hierher Erwähnte bedenkend, zeichnend, malend und den Rechner bedienend mit meinen Fähigkeiten auseinander, das Gegebene gestaltend in bildnerischen Werken als Lebensspur zu hinterlassen.
Die Lust mit einem selbst geführten Strich einer leeren Fläche die Unschuld zu rauben, ist überwältigend. Mit Linie und Fläche, Farbe und Material immer wieder einen eigenen Kosmos schaffen zu können, in dem man zu immer neuen Abenteuern aufbrechen kann, das ist, neben einigen anderen schönen Dingen, Glück.
Zweifellos ist auch hier, wenn auch in einer für den Rest der Welt vollkommen harmlosen Variante, der menschliche Größenwahn lebendig, verändernd in Gottes Schöpfung einzugreifen, gar einem Gott gleich, Dinge zu schaffen, die es zuvor nicht gab.
So entsteht Kunst.
Das Kunstschaffen ist eine Form des kreativen schöpferischen Aktes, die auf den ersten Blick im Kampf des Menschen um sein nacktes Überleben als erstes verzichtbar zu sein scheint. Auf den zweiten Blick entdeckt man, dass der Mensch in den Stunden der größten Bedrängnis enorme Kräfte aus seinem künstlerischen Schaffen gewinnen kann.
Weit weniger Sklaven hätten ohne ihre Lieder und Gesänge die Knechtschaft überlebt. Gefangene aller Zeiten haben ihr Elend ertragen, weil sie mit ihren Gedichten und Romanen Ketten und Mauern überwinden konnten. Selbst in den KZ´s schrieben, malten und musizierten die Baldtoten mit letzter Kraft, um den Schmerz des Lebens zu ertragen und um zumindest in ihren Werken zu überleben.
Kunst bahnt sich im Angesicht des Todes wie im Glanz des Wohlstandes, gleichermaßen ihren Weg.
Natürlich hoffe ich, wie jeder andere Mensch auch, ganz banal und irdisch durch Getanes Anerkennung zu finden. Das Desinteresse des sozialen Umfeldes nicht als kränkend zu empfinden ist, dabei eine hohe Kunst für sich.
Vor allem, wenn man noch nicht durch das Schwarze durch ist, wie es Horst Janssen meinem Freund, dem Maler und Bildhauer Frank Radmacher einst vorexerzierte. Beide trafen sich in der Druckerei bei Hartmut Frielinghaus. Horst Janssen spuckte auf den Boden. Er kreiste seine Schleimspur mit einem Edding ein und signierte sie. Radmacher, sagte er, wenn sie durchs Schwarze durch sind, dann kaufen die ihnen alles ab!
Ich habe vergessen wo es stand, aber es scheint mir so treffend, dass ich es dennoch zitieren möchte : Die öffentliche Präsenz des Künstlers hängt zu einem großen Teil davon ab, ob er sich zum medialen Hochleistungsmanager seiner individuell ausgeformten Kunst und Kunststrategie eignet und mit einschlägigen Spezialisten zusammenarbeitet. Der Name des Künstlers kann zur Handelsmarke werden und seine mediale Präsenz sein Kapital. Der weitaus größte Teil der künstlerisch Tätigen versucht allerdings, persönliche Befriedigung im Schaffen selbst zu finden - ohne dass die öffentliche Anerkennung unwillkommen wäre.
Der Wunsch, im eigenen Kosmos Abenteuer zu erleben, wird stets auch von dem Bedürfnis begleitet, für die Ausbeute solcher Reisen, Lohn, Lob und Anerkennung zu erfahren. Ein Lügner, wer dies leugnet. Darüber hinaus kann man, mit so erworbenem Geld, auch neue und größere Wagnisse eingehen.
Es kostet Kraft, lähmenden, zerstörerischen Enttäuschungen und Selbstzweifeln zu entgehen. Man soll auf diesem Weg das Leben, den Verstand oder auch mal ein Ohr verlieren können.
Aber das hilft weder dem Künstler noch der Kunst.
Stoisch und trotz allem und alledem einfach zu zeichnen und zu malen, was zu zeichnen und zu malen wert erscheint. Das zu gestalten, was danach verlangt, gestaltet zu werden. Das scheint mir Kunst zu sein.
Die Diskussion, was Kunst ist und was nicht, ist einerseits müßig, andererseits hat sie zu allen Zeiten bei Schaffenden und Betrachtern zu hitzigen Debatten geführt. Die baselitzsche Haltung, dass es in der Kunst nicht auf die Kunst ankommt, sondern darauf sich durchzusetzen, scheint für eine ganze Reihe von Künstlern in finanzieller Hinsicht zutreffend zu sein.
Wer bislang glaubte, die Kunst sei unter anderem ein Weg, die unfassbare Schöpfung zu betrachten, zu hinterfragen, zu spiegeln, zu interpretieren und ein Stück begreifbarer zu machen, scheint ins antiquierte Reich der naiven Träumer katapultiert zu sein.
Aber, auch wenn sich da ein Stratege auf dem Aktienmarkt mit „etwas“ vorläufig durchgesetzt hat, wird es doch die Zeit erweisen, ob Unwesentliches wirklich bedeutender wird, wenn es kopfüber hängt !“
Ob es lohnend ist, einen Weg vorbei an Schnittchen- und Proseccovernissagen zu finden ?
Einen Weg, ohne allzu neidisch auf die Aktienkurse von Kollegen zu schielen, deren, zum Teil sogar selbst gemachten Bilder, auch andere beschissen fänden, wenn sie denn nicht so renditeträchtig wären ?
Immendorf, Markus und Albert Oehlen, standen morgens um 4Uhr im La Paloma. Mensch, sagte Albert, ich hab ihm diese (astronomische) Summe genannt und da hat das Arschloch, ohne mit der Wimper zu zucken, mit einem Scheck bezahlt. Brüllendes Gelächter, Schenkel klatschen, Gläser klirren, und Albert rauchte dann gern in Gutsherrenart dicke Zigarren.

Und da ist sie auch schon, die Frage nach der Moral von der Geschicht...
in der Kunst da gibt es keine nicht !
Wenn zum Beispiel der Professor für Kunstgeschichte Wieland Schmied in seinem Buch „Kunst was ist das“ schreibt:
„In allen Jahrhunderten haben sich Künstler mit den Herrschenden eingelassen. Sie waren stark genug das auszuhalten, oder ihre Kunst ist daran zugrunde gegangen - wir kennen Beispiele für beides.
Das soll nicht heißen, daß Kunst und Moral sich völlig voneinander trennen lassen. Ihr Zusammenhang ist nur unendlich diffiziler !“, dann bin ich soweit damit einverstanden.
Wenn er aber fortfährt: „(Der Zusammenhang von Kunst und Moral) hat jedenfalls nicht mit dem Lebenswandel des Künstlers zu tun. Die Moral der Kunst spricht sich im Kunstwerk aus, nicht in der Person des Künstlers “, dann habe ich dagegen erhebliche Einwände.
Die Moral Albert Speers ist nicht von seiner Architektur zu trennen. Die Moral der Leni Riefenstahl getrennt von ihren fotografischen und cineastischen Arbeiten zu betrachten, kommt nur Dummköpfen in den Sinn. Wenn in der Haltung faschistischen Künstlern gegenüber heute weitgehend ein Konsens besteht, so ist das gut, belegt aber auch, dass es durchaus Zusammenhänge zwischen dem Lebenswandel des Künstlers und seinem Werk zu beachten gilt.
Es gibt, wenn auch wirklich weit weniger dramatisch, dennoch durchaus bemerkenswerte Beispiele, wo ich nicht bereit bin Lebenswandel und Werkanspruch getrennt zu betrachten. Zwei will ich hier erwähnen, da mich die Kluft zwischen privater Moral und dem moralischen Werk- Anspruch enorm verärgert.

Immendorf, der linke Revolutionär, an jedem Finger einen gewaltigen Goldring, Kalle Schwensen und noch so ein paar eindeutige Jungs in bunten Schlafanzughosen, sie standen nachts im La Paloma. Ein Afrikaner betrat die Kneipe und versuchte kitschige Elfenbeinimitate zu verkaufen. Immendorf nahm ihm ein Elefantenzahn ähnliches Teil aus der Hand und hielt es in die Höhe, dazu referierte er, vor den Zuhältern, in verächtlicher, zynischer Weise über das zeitgenössische kulturelle Schaffen in Afrika. Die Herrenrunde honorierte diesen rassistischen Auftritt Immendorfs mit lautem Gelächter und Beifall. Der Afrikaner hatte kein Wort verstanden, aber dennoch zweifellos gefühlt, dass diese Weißen sich über ihn lustig machten. Er verließ still und betroffen die Kneipe und ich schwieg feige.
An diese Begebenheit muss ich aber immer denken, wenn ich vor den überdimensionalen Schinken stehe, auf denen sich Immerdorf überlaut als Ankläger und Antifaschist zelebriert hat. Es war nicht die einzige menschenverachtende Entgleisung, die seine als linken Künstler postulierten Manifeste zur bloßen modischen Attitüde degradierte.

Auch bei Wolf Biermann stößt mir auf Anhieb der Widerspruch zwischen persönlicher Haltung und künstlerischer Verkündigung auf.
Dass er sich eitel, ohne Distanz, den neuen Heine nennen lässt, das mag, trotz seines stets besungenen hohen moralischen Anspruches, mit dem er auch andere gemessen hat, noch angehen. Aus literarischer Sicht diesen Vergleich zu beurteilen, steht mir nicht zu.
Aber da trägt er, unbelastet durch rote Ohren, einen der höchsten Orden des Staates, gemeinsam mit genau den Menschen, die schwiegen, als man Victor Jara die musizierenden Hände blutig zerschmetterte, und die schwiegen, als man den immer noch singenden Sänger erschoss. Er, der gnadenlose Moralist, trägt diesen Orden gemeinsam mit denen, die wissend jene Blutbadregisseure in Chile „unsere Freunde“ nannten und er tut das stolz und eitel und ohne über den Altonaer Balkon kotzen zu müssen !
Gratulation !
Ausgezeichnete Verdauung.
"Der Künstler ist zwar der Sohn der Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist ", hat Schiller zur Moral des Künstlers zu sagen gewusst.
Ob der Lebenswandel eines Künstlers zum Qualitätsmaßstab seiner Kunst gemacht werden sollte oder nicht, hängt unmittelbar von dem, dieser Kunst inne wohnenden, Postulat ab.
Bedauerlicherweise sind menschliche Qualitäten dem Talent bisweilen gleichgültig, aber Gott sei Dank, nicht selten stellt es sich auch in der Kunstgeschichte heraus, dass ein Talent, das sich für den Nabel der Welt hielt, in Wahrheit nur ein Anus war.

Die Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Moral bewegt im Grunde aber nur die Gemüter der Eingeweihten.
Die grundsätzlichere Frage, was ist Kunst, was ist gute Kunst, was ist schlechte Kunst, was ist gar keine Kunst, die bewegt mehr oder weniger alle Menschen.

Bei der Internet Enzyklopädie Wikipedia ist dazu Folgendes zu lesen: „Kunst ist ein Kulturprodukt, eine Hervorbringung von Menschen, das Ergebnis eines kreativen Prozesses, an dessen Anfang manchmal die religiöse Motivation stand und an dessen Ende entweder das "Kunstwerk" steht oder auch – wie seit der Moderne – der Prozess selbst als Ergebnis gewertet wird. Jede Kultur hat demnach Kunst hervorgebracht !“

Johann Nestroy
"Kunst ist, wenn man's nicht kann, denn wenn man's kann, ist's keine Kunst".

El Lissitzky
"Wenn du mich fragst, was die Kunst sei, so weiß ich es nicht. Wenn du mich nicht fragst, so weiß ich es."

Vincent van Gogh
"Ich kenne noch keine bessere Definition für das Wort Kunst als diese: Kunst, das ist der Mensch!"

Joseph Beuys
"Das Kunstwerk ist das allergrößte Rätsel, aber der Mensch ist die Lösung." ( klingt ein wenig nachgeplappert ..gel ?)

Eine der amüsantesten Definitionen stammt von  Pablo Picasso:
"Sie erwarten von mir, dass ich ihnen sage, dass ich ihnen definiere, was Kunst ist? Wenn ich es wüsste, würde ich es für mich behalten."

Hans-Horst Skupy
"Bei Auktionen wird uns die Beziehung zur Kunst eingehämmert."

Für eine Kunstmarketingagentur ist die Antwort auf die Frage, was ist Kunst recht einfach: Der Kunde sagt, was Kunst ist.

Wenn es auf die Frage, was Kunst sei, keine allgemein gültige, definitive Antwort zu geben scheint, dann bricht das Chaos vollkommen aus, wenn man nach Qualitätsmerkmalen sucht.
Der Versuch mit dem Buch  Was ist gute Kunst? eine klare Linie in das Labyrinth zu bringen, war von Wolfram Völker gut gemeint. Aber Gudrun Inboden von der Staatsgalerie Stuttgart schreibt darin so treffend wie ernüchternd:“...was Qualität in der Kunst ist, lässt sich nicht definieren. Wie denn auch, wenn Kunst selbst nicht definierbar ist.“!

Es ist schon erstaunlich, wenn man bei der Lektüre dieses Buches feststellt, wie sich zwölf Menschen verzweifelt bemühen, das Nichtvorhandensein von Qualitätskriterien, für Kunst, zu umschreiben. Die gleichen zwölf geben bzw. gaben Jahr für Jahr das schwerverdiente Geld von Menschen in Millionenhöhe aus, um etwas einzukaufen, dessen Qualität sie den Geldgebern nicht erklären können.
Man übertrage dies auf andere Felder der öffentlichen Haushalte... rien ne va plus.

Die meisten Kunstbewerter verstecken sich hinter intellektuell  klingende Worthülsen um sich unangreifbarer zu machen, als sie es dennoch bleiben. Wo subjektive Wahrnehmung als objektive Bewertung ausgegeben wird, da fehlt nur das Kind, das feststellt, dass der Kaiser nackt ist. Geschehen wird es. Es ist nur eine Frage der Zeit und es wird das Kind einer anderen Epoche sein. Und wir werden seinen Aufschrei nicht mehr hören.
Wenn sie sich weniger verklausuliert äußern und ehrlich um eine Antwort ringen, ist mir das wesentlich sympathischer, aber das bewahrt sie nicht vor Kritik.
Christoph Heinrich schreibt : „ Wenn wir als Kinder der Nachmoderne eines gelernt haben, dann doch, dass in der Kunst alles möglich ist, wenn es nur mit Entschiedenheit und Wahrhaftigkeit vertreten wird .“ Damit wäre man wieder beim Baselitzschen Umkehrschluss, ganz gleich was ich mache, ich muss nur dran glauben, es durchsetzen zu können, dass andere daran glauben, das sei Kunst, dann ist es das auch.
So oder ähnlich mussten wohl auch die Kunstexperten in jenen Tagen gedacht haben, als sich ein nicht durchsetzungsfähiger, an Selbstzweifeln leidender, einohriger Pinsler, dem Wahnsinn nahe, eine Kugel in die Brust jagte.
Die würden sich allerdings selbst im Jenseits noch die Kugel geben, wenn sie erfahren könnten, wie viele Dollars ein Kornfeld unter blauem Himmel heute einbringt.

Urs Stahel sagt im Interview:“ Das Werk muss zum Beispiel ein bestimmtes Maß an Aktualität enthalten, damit die Betrachter die Qualität eines Werkes in einer bestimmten Zeit auch erkennen können. Gleichzeitig hoffen wir, dass es neben den offen daliegenden auch verborgene Qualitäten aufweist, die es die Zeit überdauern lassen. “
Nun, da wäre ich doch gerne in dem einen oder anderen Zeitgeisttempel ein Zukunftsmäuschen, wenn mir da die Relativität nur nicht bei der Reinkarnation im Weg stünde.

Klaus Busmann äußert sich im gleichen Buch zur Relativität der Kunst so : „Ich glaube, es ist fast nicht möglich, spontan ein herausragendes Werk zu erkennen..... Aber es ist so, dass bestimmte, für mich absolut einmalige Werke im Nachhinein an Bedeutung verloren haben. Ich denke auch, die Kunstgeschichte wird alle paar Generationen neu geschrieben!“

Alles ist relativ, vor allem die Kunst.
Wenn sie denn ist, muss, soll, darf sie schön oder hässlich sein?
Was ist schön, was ist hässlich ?
Wann empfinden wir Schönheit als begehrenswert und wann langweilt sie uns ?
Wann ist Hässlichkeit anregend und wann stößt sie uns nur ab ?
Ist das Kunst ?
Ist das gute Kunst?
Ist sie ???
Sie ist !
Ohne mich wäre sie nicht!
Sie ist in mir !
Sie geht durch mich hindurch !
Sie kommt aus mir heraus!
Nur weil ich bin, ist sie in der Welt!
Nur weil ich war, wird sie in der Welt sein!
Für einen Augenblick !
Dann stirbt sie wie alles auf dieser Welt.
Aber ich habe mein Sein durch ihr Sein zu verstehen und zu genießen gelernt und mein drohendes Gehen besser ertragen.

Kunst ist die kreativ gestaltete Dokumentation der Realität, der Träume und Albträume des Menschen.

Ob die individuelle Gestaltung eines Objektes besonders kreativ ist, ob die Ästhetik dieser kreativen Gestaltung etwas Zeitgebundenes in die Zukunft trägt und darüber hinaus etwas alle Zeiten überdauerndes ausstrahlt, das wird sicher so lange immer wieder neu bewertet werden, wie es Subjekte gibt, die das Geschaffene betrachten. Da in diesem Zusammenhang eine Wechselwirkung von Intellekt und Emotion stattfindet, wird es nie zu einer abschließend objektiven Beurteilung kommen.
Und am Ende wird niemand sein, den das interessieren könnte.

Da hat er sich Gott und der Welt zugewandt
und hat sich gehörig das Fell verbrannt
leise, weise kroch Diogenes ins Fass
und sprach: „Ja, ja, das kommt von das!“
Frei nach W. Busch.