Mach mal einen Punkt!

Nun mach mal einen Punkt!
Wer glaubt, er könne mit dieser Aufforderung so ohne Weiteres eine komplexe Formulierung abkürzen, der hat sich mit diesem Ding, dass uns meist klein, schwarz auf weiß, eine Reflexion aufzwingend, begegnet, noch nicht eingehend beschäftigt.
Ich auch nicht.
Ein Punkt, so scheint es, ist ein Punkt. Doch bei näherer Betrachtung kann er mal mehr, mal weniger, mal nichts, mal alles, mal Anfang mal Ende sein.

Alles fing wieder einmal ganz harmlos, mit einer Reise nach Weimar, an. Das Bauhaus hatte Jubiläum und Kandinsky, eine zentrale schöpferische Kraft dieser Institution, hat mich erneut fasziniert. Diesmal wollte ich mich etwas genauer mit seinen Theorien befassen und fand in einem Laden, zwischen Schillerbüsten und mit Ginkoblättern bedruckten Kaffeetassen, das Buch Punkt und Linie zu Fläche.
Da es nicht sehr umfangreich aussah, dachte ich mir, das sei schnell gelesen, aber das war ein fataler Irrtum. Es war schon fast eine pandorianische Büchse, die ich da öffnete.

Kandinsky startet mit sehr hohem Anspruch. Er will die Grundlagen für eine, aus seiner Sicht dringend notwendigen Kunstwissenschaft „pedantisch“ erarbeiten.
Sein Ausgangspunkt ist der Selbe an sich. Der Punkt.
Zunächst schien mir vieles, was ich dort las, eigentlich nicht neu. Kandinsky transportiert aber die Benutzung des Punktes, die uns im Grunde, wie mit der Muttermilch eingegeben, in Fleisch und Blut übergegangen ist, ins Bewusstsein.
Kandinsky befasst sich sehr detailliert mit Punkt, Linie und Fläche. In dieser Ausführlichkeit hat es wohl vor ihm keiner gemacht, und das ist zweifellos sein Verdienst.
Bei genauer Betrachtung schien mir aber, in der Bewertung des Punktes, durch Kandinsky, ein Widerspruch aufzutauchen. War der Punkt nun die Null, oder war er, als Resultat des ersten Zusammenstoßes von Werkzeug und materieller Fläche, nicht doch eher die Eins.
Also ging ich auf die Suche nach Definitionen des Punktes, in den verschiedenen Anwendungsgebieten.
Interessant, verwirrend und zum Teil ungeheuer kompliziert war das, was ich nun zu lesen fand.
Der Autor Manon Baukhage sagt:
“ Der Punkt. Zugegeben, er macht nicht viel her - so klein wie er sich gibt. Tatsächlich aber gehört er zu den großen Rätseln der Welt “.
In der Definition des Mathematikers Euklid ist seit fast 2400 Jahren ein Punkt ein geometrisches Element das keine Teile hat.
Heute gehen die Mathematiker, so habe ich es verschiedentlich gelesen, davon aus, dass es den Punkt gar nicht gibt, denn seine Fläche sei null – und seine räumliche Dimension ebenfalls.
Was ich sonst in Bezug auf den Punkt und seine Folgen für die Mathematik zu lesen fand, hat mich in den Zustand versetzt, den ich in meiner Jugend nur nach hart durchzechten Nächten empfand.
Auch auf die Gefahr hin, dass mir Wesentliches, Erhellendes für alle Zeiten verschlossen bleibt, verließ ich das Gebiet der Mathematik so schnell, wie ich es zuvor betrat.
Allerdings nicht ohne mir zumindest bei der einen oder anderen praktische Anwendungen, wie z.B. beim Zollstock oder der Uhr, den Punkt noch einmal vorzunehmen.
Beim Zollstock, wenn man ihn absolut nimmt, ist der Punkt 1999-mal die Null und einmal die eins.
Beim Zifferblatt ist er sowohl das Ende der Vergangenheit, als auch der Beginn von Gegenwart und Zukunft, also sowohl die Null, als auch die Eins.
In jedem Fall ist er, wie es Kandinsky beschreibt, die Brücke zwischen dem einen Sein und dem anderen Sein.

In der Grammatik ist er in der Regel die Pause, also wie Kandinsky es ganz ähnlich formuliert, das Schweigen zwischen zwei Aussagen. In diesem Schweigen, also dem Nichts, entspricht er der Null. Das ist aber bei weitem nicht seine einzige Funktion. Im Zusammenspiel mit einem zweiten Punkt senkrecht über dem ersten, macht er diese Pause markanter aber sie entspricht weiter der schweigenden Null. Ist er über einem Komma angebracht, verstärkt er die Pause gegenüber einem Komma, aber ist schwächer als der gewöhnliche Punkt. Aber noch immer bedeutet er Schweigen. Unter einem senkrechten Strich angebracht, erhöht er aber die Bedeutung einer vorausgegangenen Aussage. Das heißt, er nimmt Einfluss. Er bekommt also eine eigene Kraft, und das ist bereits mehr als null. Ist er unter einer Art senkrechten Sinuskurve angebracht, dann kann uns das vorausgegangene Satzgebilde unter Umständen in arge Bedrängnis bringen. Der Punkt hat also auch hier mehr Kraft als ein Nichts. Das steigert sich in den germanischen Sprachen, wenn er sich im waagerechten Doppel über einem Vokal aufhält, denn dann zaubert er daraus einen Umlaut und wird unüberhörbar. Er hat seine schweigende Existenz verlassen, aber ohne zu einer echten Eins zu werden. Ähnlich verhält er sich in anderen Sprachen. Zuguterletzt wird ein Strich in halber Buchstabenhöhe mit einem Punkt gekrönt um ein kleines i erklingen zu lassen.

In der Musik ist der Punkt nun aber wirklich alles andere als eine Null oder eine Pause. Statt zu schweigen verschafft er sich deutlich Gehör. Er ist eine eigenständige Kraft die einer einfachen Note zu wesentlich mehr Bedeutung verhilft. Ohne den Punkt würden wir die Werke großer Meister nicht wieder erkennen und schlichte Gassenhauer könnten wir nicht mehr mitträllern, denn wir würden einer beschleunigten Version hinterher trödeln.
Steht rechts neben der Note ein Punkt, so wird die Note um die Hälfte ihres Wertes verlängert.
Steht neben dem Punkt ein weiterer Punkt, erhöht sich diese Dauer wiederum um den halben Wert des vorherigen Punktes.
Der Punkt ist in der Musik also unüberhörbar. Ja er ist gerade zu dominant. Aber eine Eins, mit der Kraft einer zu Beginn stehenden Note, ist er dennoch nicht.

In der bildenden Kunst verhält es sich mit dem Punkt ganz anders. Die Grafik und die Malerei sind ohne die Fläche nicht möglich, also beginnt alles mit ihr. Sie ist jungfräulich, unberührt, leer. Die Fläche entspricht dem Nichts, der Null.
Wenn es nun, wie Kandinsky formuliert, zur ersten Kollision zwischen Fläche und Werkzeug kommt, dann entsteht ein Punkt.
Der Punkt, das erste Element, einer bewussten Veränderung der Fläche.
Dieser Punkt ist also die EINS!
Das Urelement der Grafik und der Malerei !
Jedes Element, das Teil eines Kunstwerkes werden kann, besitzt in sich bereits die Kraft, die im Laufe immer komplexer werdender Kompositionen, stets von neuem sichtbar wird.
Im Umkehrschluss kann also ein Punkt auf einer Fläche die Kraft eines abgeschlossenen Kunstwerkes entfalten. Kandinskys Frage, reicht ein Punkt für ein Werk aus? beantwortet er selbst wie folgt:
So stellt dieser Fall (Der Punkt auf der Fläche) das Urbild des malerischen Ausdrucks dar.
Wobei er wiederholt betont, dass es sich hierbei nur um ein schematisch gedachtes Werk handelt. Einer Hypothese also, der er keinerlei praktische Bedeutung beimisst.
Als er 1927 dies schrieb, hatte seine Auffassung von der Zurückführung der Komposition auf das einzige Urelement zwar noch seine Gültigkeit, aber dass der Punkt auf der Fläche das Urbild des malerischen Ausdruckes sein sollte, war nicht nur schematisch gedacht sondern auch ganz praktisch, schon seit 14 Jahren überholt.

Wenn er, nebenbei bemerkt, bei der Analyse der unberührten Grundfläche „die dazu berufen ist, den Inhalt eines Werkes aufzunehmen“ ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass diese Grundform (GF) von zwei Horizontalen und zwei Vertikalen begrenzt ist, dann wird der Wissenschaftler vom Maler überwältigt, der es gewohnt ist, auf viereckigen Flächen zu arbeiten. Die Fläche, die auf ihre Defloration wartet, kann jedoch auch von zwei Diagonalen und einer Horizontalen bzw. Vertikalen oder einem Kreis und ähnlichem variationsreich umzingelt sein.
Die erste künstlerische Arbeit, bei der die scheinbar unberührte Fläche selbst, den Anspruch eines abgeschlossenen Werkes erhob, entsprach jedoch ganz den formalen Vorgaben Kandinskys.

Kasimir Malewitsch war der erste Maler, der 1913 mit seinem schwarzen Quadrat auf weißem Grund diesen Schritt vollzog. Seine Entwicklung des Suprematismus war die Geburtsstunde der monochromen Malerei.

Wenn in der monochromen Malerei scheinbar auf den Punkt verzichtet wird, dann liegt es vor allem daran, dass der angewandte Punkt die Dimension der ihm zu Grunde liegende Fläche sprengt. Wo wir also seine Grenzen auf der gestalteten Fläche nicht mehr finden, wird die gestaltete Fläche ihrerseits zum Punkt in ihrer jeweiligen Umgebung.
Der zentrale Punkt, der nach Kandinsky mit der Fläche zum Einklang wird, hat die Fläche überwältigt.
Malewitsch vollzog den allerletzten Schritt, zur absoluten Auflösung der Komposition in der Malerei.
Sein Bild, weißes Quadrat auf weißer Fläche (1919), ist im Grunde der unüberwindbare Höhepunkt und zugleich das Ende dessen, was die Menschheit seit den ersten Höhlenmalereien zu kultivieren versuchte.
Die bewusste Gestaltung einer Fläche.
Die bedingungslose Hinwendung zur Farbe, als alleinigen Inhalt der Gestaltung, nahm ihren Lauf.
Nach dem Motto „dem Dekorateur ist nichts zu schwör“ geht’s in der Kunst dann aber doch noch einen Schritt weiter, in dem der leere Bilderrahmen auf einer leeren Fläche platziert wird und so der Betrachter in Gänze auf die eigene Kreativität zurückgeworfen ist. Der Konsumhaltung ein Ende gesetzt, hat auf diese Weise unter anderem der Maler und Grafiker William Neal, auf dem 1971 entstandenen Plattencover „Bilder einer Ausstellung“ von Emerson, Lake und Palmer.
Ein Student der Karlsruher Kunstakademie soll in der Wintersemesterausstellung 2008/9 Ähnliches vollzogen haben. Näheres darüber und ob es prominente Vertreter dieses Schrittes gibt, konnte ich noch nicht ausfindig machen.

Auch wenn die Fläche aus sich selbst die Kraft eines abgeschlossenen Werkes haben kann, eine Bildkomposition entsteht erst, mit dem außerhalb des Flächenzentrums platzierten Punktes.
Auf die, aus dem Punkt entstehenden, senkrechten, waagrechten, diagonalen und die freien Linien in Kandinskys Theorie, die eine komplexe Komposition erst ermöglichen, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Nur so viel soll gesagt sein.
Bei der Zuschreibung einer Bedeutung, einer Ausstrahlung, einer Aussage einzelner Linien und ihrer Variationen verlässt Kandinsky die wissenschaftliche Arbeitsweise gänzlich. Erklärbare Phänomene, wie z.B. einer als schwer, leicht, ruhig, dynamisch empfundene Linienführung analysiert er keineswegs ausreichend und vermischt sie gleichberechtigt mit, nur aus seiner individuell, subjektiven Wahrnehmung erklärbaren Zuordnung.
Gravierender aus meiner Sicht ist dieses Vorgehen noch, bei seiner Theorie über die Farben.
Johannes Itten war zeitweilig auch am Bauhaus tätig. Von ihm stammt der Farbkreis, der u.A. von den drei Grundfarben Gelb, Rot, Blau ausgeht. Kandinsky geht ebenfalls von dieser Grundlage aus. Denn er beschreibt, dass die horizontale Farbenskala von Weiß, über Gelb, Rot, Blau zu Schwarz verläuft.
Bei der Bewertung der Farben und ihre Wirkung auf den Betrachter, geht mit ihm aber seine subjektive, künstlerische Wahrnehmung völlig durch. Den Nachweis, dass z.B. Weiß warm und Schwarz kalt ist oder zu mindest so wirkt, den muss er schuldig bleiben. Hierfür ließe sich nicht einmal eine kulturell oder sonst wie erklärbare Übereinstimmung bei einer Betrachtermehrheit finden.
Die Zuordnung der Farben zu den verschiedenen Geraden (Linien) kann man glauben, man kann es aber auch getrost bleiben lassen.
Dass eine Senkrechte, eine Fläche, bei gleich bleibendem Seitenabstand, von oben nach unten bzw. umgekehrt durchzieht, dass wird niemand bestreiten. Dass sie aber warm ist, an der Beweisführung für diese Behauptung hätte sich Kandinsky sicher die Zähne ausgebissen.
Auch seine Behauptung Schwarz sei das Symbol des Todes und Weiß stünde für die Geburt, ist nur eingeschränkt für den westlichen Kulturkreis zutreffend, hat aber keineswegs weltumspannende Gültigkeit.
Kulturelle, religiöse und Zeitgeist Einflüsse, im Zusammenspiel mit Formen und Farben, sind sicher für die angewandte Kunst von großer Bedeutung. Sie gehören aber in den Bereich der Psychologie, Philosophie und Soziologie. Dort sollen sie gerne heftig und immer wieder neu diskutiert werden.
Kandinsky postuliert jedoch zu Beginn seiner theoretischen  Betrachtung, den Grundstein einer „Kunstwissenschaft“ legen zu wollen. Er formuliert damit den Anspruch, dass es vergleichbar mit anderen Wissenschaften, Naturgesetze, Formeln und Regeln zu finden gilt, die der Malerei bindend zu Grunde liegen. Ja er behauptet sogar schon wesentliche Basiserkenntnisse gefunden zu haben. Die wissenschaftliche Arbeitsgrundlage dafür setzt aber voraus, dass die vorgetragenen Erkenntnisse und der Weg zu ihrer Erlangung, nachvollziehbar dargestellt werden.
Spätestens mit seinen Ausführungen zur Farbe hat er dieses Vorhaben selbst sabotiert.
Da ich katholisch geschädigt, gegen jede Form von Glaubensbekenntnissen immun bin, ging ich weiter auf die Suche um die Frage zu klären, was ist Weiß, was ist Schwarz? Welche Bedeutung haben die Farben.
Von Pythagoras bis Plato, von Aristoteles bis Leonardo da Vinci, Newton, Goethe, Runge, Itten. Sie und noch viele mehr haben nach einer Erklärung dafür gesucht, warum das für uns Menschen hier alles so schön bunt ist.
Bei meinen Recherchen stieß ich auf Harald Küppers.
Er steht offensichtlich, am vorläufigen Ende dieser langen Ahnengalerie.
Nach seinen Aussagen, hätte Kandinsky bereits wissen müssen, das die Farbenlehre von Ittn überholt war, wenn gleich die Küppersche Lehre noch nicht existierte.
Meinen Schülern habe ich diese veraltete Version, bis 2007 vermittelt, ohne je von Herrn Küppers gehört zu haben. Manchmal döst man eben selig vor sich hin, so lange alles gut geht.
Das letzte Wort scheint da aber auch noch nicht gesprochen zu sein, denn Prof. Dr. Dietrich Zawischa vom Institut für Theoretische Physik an der Universität Hannover geht hart mit Küppers ins Gericht, weil er die aktuellen physikalischen Erkenntnisse sehr großzügig in seinem Sinne zu interpretieren scheint.
Wie auch immer, die Welt ist keineswegs so bunt wie wir sie sehen. Wie sie objektiv aussieht scheinen wir gar nicht zu wissen. Jedes Lebewesen hat ein anderes Bild von ein und derselben Welt und wir Menschen haben eben den Eindruck sie leuchte in den Farben die wir auch im Regenbogen erkennen.
Farbe ist ein Sinneseindruck, der entsteht, wenn Licht einer bestimmten Wellenlänge oder eines Wellenlängengemisches auf die Netzhaut des Auges fällt. Diese elektromagnetische Strahlung veranlasst dort spezielle Sinneszellen zu einer Nervenerregung, die zum Gehirn geleitet wird und dort auf bisher weitgehend ungeklärte Weise als Farbe ins Bewusstsein des Menschen tritt. Farbe ist also eine Sinnesempfindung und keine physikalische Eigenschaft eines Gegenstandes.
Der Begriff der Farbe gibt nur in Bezug auf einen lebenden Organismus mit Sinneszellen für Licht einen Sinn.
Das Phänomen Farbe ist daher auch nicht auf der Oberfläche der Objekte selbst lokalisiert, sondern nur auf deren Abbild, das uns unser Gehirn in unserem Bewusstsein präsentiert, und damit in unserem Gehirn selbst.
Die Tomate ist also definitiv nicht rot. Bei den meisten Menschen löst das von ihrer spezifischen Oberfläche reflektierte Licht lediglich eine rote Sinneswahrnehmung aus. Weil diese spezifische Sinnesreizung bei den meisten Menschen identisch ist, einigen wir uns auf die Aussage, die Tomate sei rot.
Wenn ich als Kreativer diese Tomate mit einer Farbe wiedergebe, die bei den meisten Menschen die Sinneswahrnehmung blau auslöst, dann entspricht das nicht der allgemeinen Sehgewohnheit, aber falsch ist es ebenso wenig wie rot richtig sein muss, denn wir wissen nicht, ob die Tomate objektiv überhaupt eine Farbe hat.
Wer will, kann die Welt also in seinen Bildern so wiedergeben, wie sie den meisten Menschen erscheint. Wem dies zu langweilig ist, kann sie beliebig und individuell in Farben, nach seinem Gusto tauchen. Falsch ist das jedenfalls nicht, denn was wirklich richtig ist, werden wir niemals erfahren.
Hätten das die Maler im vorigen Jahrhundert nicht nur so empfunden, sondern auch gewusst, hätte sich manche Diskussion verflüchtigt.
Die Definition, unbunte Farben, für schwarz, weiß und die dazwischen liegenden Grautöne, hat sich offensichtlich als allgemeingültig durchgesetzt.
Weiß ist die Summe des reflektierten Lichtes.
Schwarz ist die Abwesenheit reflektierten Lichtes, bzw. das absorbierte (verschlungene) Licht.

Die Wahrnehmung des Lichts erfolgt durch Rezeptoren, die sich auf der Netzhaut befinden. Von diesen Sinneszellen gibt es zwei Grundtypen.
Die so genannten Stäbchen unterscheiden nur Schwarz/Weiß-Kontraste.
Bunte Farben bestehen aus selektiv reflektiertem Licht, das wir auf Grund einer evolutionären Entwicklung unserer Netzhaut mit drei so genannten Zapfen wahrnehmen können. (Frauen etwas besser als Männer. Eine relativ große Anzahl von Männern leidet unter einer genetisch bedingten Rot-Grün Sehschwäche.)
Der bislang erforschte physikalische Vorgang ist zwar höchst interessant, ist aber für diese Abhandlung nicht weiter relevant.
Interessant ist, vor dem Hintergrund, dass die Farben der Welt RELATIV sind, was sie dennoch bei uns Menschen auslösen.
Dringt das Licht eines bestimmten Wellenlängenbereichs in unser Auge ein, dann löst dies nicht nur die Sinnesempfindung einer spezifischen Farbe aus. Die Folge sind auch komplexe, farbspezifisch / psychologische Reaktionen.
Wie bereits angesprochen sind diese Reaktionen u. A. vom Kulturkreis der Menschen beeinflusst. Innerhalb solcher Lebensbereiche gibt es große Gemeinsamkeiten in der Wahrnehmung, aber natürlich auch deutliche, individuelle Unterschiede. Selbstverständlich gibt es auch Empfindungen im Bezug auf die Farbwahrnehmung die allen Menschen ähnlich sind.
All dies trifft auch auf die Empfindungsprozesse im Zusammenspiel von Form und Farbe zu. Grundlage auch dafür sind die Evolutionsbedingten Gemeinsamkeiten und das kulturspezifisch Trennende.
Diese Form- und Farbwahrnehmung und die Auswirkung auf das menschliche Verhalten ist heute weit weniger den subjektiven Spekulationen eines Künstlers, wie Kandinsky, ausgeliefert als uns lieb sein sollte, denn weder die Kunst hat dies, im Sinne einer Kunstwissenschaft, zur Freude der Menschen erforscht, noch hat dies die Psychologie zum nutzen des Individuums getan.
Kreative, Psychologen und Soziologen sind eine sehr unheilige Allianz eingegangen. Effekte die intuitiv auf uns Menschen wirken, wurden detailliert erforscht, analysiert und im Interesse von Industrie und Handel, in hoch differenzierte Strategien umgesetzt.
Was uns Menschen einmal in einer feindlichen, unerforschten Welt zum überleben verholfen hat, wenden wir nun an, um uns gegenseitig auszutricksen und zu übervorteilen.
Ein weites Feld, das in diesem Zusammenhang nur in soweit weiter bringt, dass eine schwarze kalte Horizontale eben so wenig faktisch belegt wurde, wie eine weiße warme Senkrechte.
All diese Überlegungen habe ich meiner geplanten Arbeit vorangestellt, zu der ich, das will ich hier keineswegs verschweigen, Durch Kandinskys Theoretischer Arbeit im Bezug auf Punkt, Linie, Fläche und Farbe angeregt wurde. Ich achte seine Leistung, ich liebe seine Bilder ohne den kritischen Blick auf seine Absolutheitsansprüche außer Acht zu lassen.
Auch wenn wir die Welt nur in Menschlichen Farben sehen, so liegt dieser Funktion ein physikalisch erklärbares, verlässliches Farbschema zu Grunde. Zum universellen kulturellen Erbe der Menschheit gehören u.A. der Punkt und die grundlegenden Geraden auf einer Fläche.
Diese Erkenntnisse hat der Mensch seit seiner Bewusstwerdung systematisch zu nutzen und zu kultivieren verstanden.
In der Malerei können wir diesen Prozess von den ersten Höhlenmalereien bis zu Sixtinischen Kapelle nachvollziehen.
Wenn der Mensch, auf einem Gebiet, den vermeintlichen Höhepunkt seiner Leitungsfähigkeit erreicht hat, dann gibt er sich mit einem statischen Zustand nicht zufrieden. Auf der legitimen und notwendigen Suche nach den Wurzeln, nach einer möglicher weise unumstößlichen Wahrheit, wurden die Bilder in den jüngsten Epochen immer heftiger seziert. Bis nur noch die Fläche, ja sogar die leere Fläche, übrig blieb.
Weiter kann sich die Malerei nicht mehr in ihre Bestandteile zerlegen, denn sie hat sich gewissermaßen aufgelöst.
Ja, und das macht die Kunst so inspirierend und aufregend. Sie kann sich wieder selbst erfinden.
Ich will nicht unerwähnt lassen, dass eben jener William Neal, der die leeren Bilderrahmen auf das weltberühmte Cover gebannt hat, eben das mit seiner Malerei zu tun scheint. Aus seinen monochromen Farbflächen schält sich allmählich eine sanfte Sicht, auf eine scheinbar neu geschaffene Welt.
Für diese Neugeburt der Malerei werden die Farben, die Fläche, der Punkt und die Linien wieder benötigt. Das sind aus meiner Sicht die einzigen unverzichtbaren Grundfesten der Malerei.
Zum Glück für uns alle.
Wie diese Faktoren mit einander kombiniert werden, und zu welchen kreativen Höhenflügen sie die Menschen veranlassen werden, das soll immer wieder neu entdeckt und diskutiert werden.
Sollten sich von Zeit zu Zeit wieder Regeln und Gesetzmäßigkeiten einschleichen, dann ist es an der Zeit sie wieder zu zerstören.
Die Malerei ist ein faszinierender Beleg dafür, dass der Mensch mit relativ minimalen Mitteln ein lebendiges, schier unendliches Werk zu schaffen in der Lage ist.
Diesen minimalen Mitteln will ich ein Denkmal setzten.

Quellen :

Kandinsky
Punkt und Linie zu Fläche
Bentelli Verlag

Harald Küppers
Schnellkurs Farbenlehre
DuMont Literatur und Kunst Verlag Köln

Hanna Weltmeister
Klein
Taschen Verlag

Klausbernd Vollmar
Die faszinierende Welt der Formen
ars momentum Kunstverlag

Internet Wikipedia

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